Vom Konfirmandenunterricht auf die Kanzel: Clara Desch predigt im Dom
Lübeck. Ganz neu ist Clara Desch das Gefühl nicht, im Lübecker Dom vor einer Gemeinde zu stehen. Schon als Jugendliche hat sie Gottesdienste mitgestaltet, als Teamerin Konfirmand:innen begleitet. Diesmal aber war etwas anders. Die 25-Jährige hielt allein eine Predigt, die sie selbst geschrieben hatte. Und mit einem Berufsziel, das sie irgendwann genau dorthin führen könnte: Clara Desch überlegt, Pastorin zu werden.
Zugang zur Kirche durch die Musik
Aufgewachsen ist Clara Desch in Lübeck, zur Schule ging sie auf das Johanneum. Dass Kirche einmal auch beruflich eine große Rolle in ihrem Leben spielen würde, war damals noch nicht ausgemacht. Zuhause gehörten unterschiedliche Konfessionen selbstverständlich zusammen: Ihr Vater ist katholisch, ihre Mutter evangelisch. Entscheidend war zunächst etwas anderes. „Zugang zur Kirche habe ich durch die Musik bekommen“, sagt Clara Desch.
Viele Jahre sang sie in Chören an St. Aegidien, unter anderem bei Kirchenmusiker Eckhard Bürger. Musik ist bis heute eine ihrer Leidenschaften. Als sie mit gerade einmal 17 Jahren ihr Abitur machte, war sie für manche Pläne – etwa einen längeren Auslandsaufenthalt – schlicht noch zu jung.
Theologie verbindet viele Interessen
Bei der Suche nach einem Studienfach rückte deshalb Theologie in den Fokus. Warum? „Theologie verbindet viele Geisteswissenschaften. Das gefiel mir. Zudem wollte ich mit Menschen arbeiten. Pädagogik und Psychologie finde ich ebenfalls spannend“, sagt Clara Desch. Ihre Eltern wunderten sich nicht über die berufliche Entscheidung ihrer Tochter: Sie hätten ohnehin früh erkannt, „dass ich mehr Geisteswissenschaftlerin als Naturwissenschaftlerin war“.
Dass sie Gottesdienste nicht nur besuchen, sondern selbst gestalten kann, hat sie früh erlebt. Mit 14 oder 15 Jahren war sie im Dom erstmals maßgeblich an einem Gottesdienst beteiligt. Gemeinsam mit anderen engagierten jungen Frauen bereitete sie mit Dompastorin Margrit Wegner einen Pfingstgottesdienst vor. Es war eine Erfahrung, an die sich Clara Desch bis heute erinnert.
Studium an schottischer Universität
Sie hat an der University of St Andrews studiert, „weil die Divinity School dort einen Fokus auf Theologie, Imagination und Kunst, also auch Literatur, und Musik und ein Zentrum für Religion und Politik hat", berichtet sie. Beides habe sie so fasziniert, dass sie unbedingt genau an diese Fakultät wollte.
Inzwischen studiert sie Evangelische Theologie in Leipzig und steckt mitten im Examen. Wenn sie ihre Familie in Lübeck besucht, führt ihr Weg trotzdem immer wieder in den Dom. So war es auch vor einigen Wochen. Im Gespräch mit Dompastorin Margrit Wegner erzählte Clara Desch von einer Aufgabe, die sie für ihr Examen zu bewältigen hatte: eine Ausarbeitung zu einem Bibeltext samt Predigt. Ihr Thema: Armut. „Es hilft, eine Predigt gedanklich für eine bestimmte Gemeinde zu schreiben. Ich dachte an die Dom-Gemeinde“, sagt sie.
„Dann halte deine Predigt doch bei uns“
Margrit Wegner musste nicht lange überlegen. Wenn die Predigt ohnehin mit Blick auf den Dom entstanden war – warum sollte sie dann nur auf dem Schreibtisch beziehungsweise in den Examensunterlagen landen? Die Dompastorin lud ihre ehemalige Konfirmandin ein, die Predigt tatsächlich im Gottesdienst zu halten.
„Es war total schön, gemeinsam den Gottesdienst zu gestalten“, sagt Clara Desch. Für sie schloss sich damit ein kleiner Kreis: An dem Ort, an dem sie als Jugendliche erste Erfahrungen mit Gottesdiensten gesammelt hatte, konfirmiert wurde, sich als Teamerin engagierte, stand sie nun als angehende Theologin vor der Gemeinde.
“An mehreren Stellen dachte ich: Wow!”
Auch Margrit Wegner hörte in diesem Gottesdienst besonders aufmerksam zu. „An mehreren Stellen dachte ich: Wow, das hätte ich so nicht formulieren können. Das war stark“, sagt die Dompastorin. Für sie war der Gottesdienst deshalb mehr als der Besuch einer Theologiestudentin. „Wenn jemand, den man noch aus der Konfirmandenzeit kennt, Jahre später hier steht und mit einer eigenen Predigt die Gemeinde erreicht, dann macht mich das natürlich stolz. Es ist schön zu sehen, wie sich ein Weg entwickelt – und dass der Dom auf diesem Weg offenbar ein Stück Heimat geblieben ist.“
Für Clara Desch geht dieser Weg nun in die entscheidende Phase. Im Februar wird sie ihr Studium abschließen. Danach könnte das Vikariat beginnen – die praktische Ausbildungsphase auf dem Weg ins Pfarramt. Dann wird aus der ehemaligen Konfirmandin Schritt für Schritt eine Pastorin. Und vielleicht war die Predigt im Dom zu Lübeck schon ein kleiner Vorgeschmack darauf, wie sich das einmal anfühlen könnte.