Von St. Lorenz ins St.-Annen-Museum: Ein Kunstwerk kehrt ins Licht zurück
Lübeck. Mehr als 200 Jahre gehörte es zur Geschichte der St.-Lorenz-Kirche, nun ist es im St.-Annen-Museum in einem neuen Licht zu sehen: Das monumentale Gemälde "Die Opferung Isaaks durch Abraham", das dem flämischen Barockmaler Jacob Jordaens zugeschrieben wird, ist Teil der neu gestalteten Gemäldegalerie. Als Dauerleihgabe der Laurentius-Gemeinde ist das bedeutende Kunstwerk nun Bestandteil der Dauerausstellung und kann künftig unter besseren Bedingungen bewahrt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Das Gemälde aus der St.-Lorenz-Kirche
1817 erhielt die damalige St.-Lorenz-Gemeinde das Gemälde als Geschenk. Seitdem haben Generationen von Menschen das Werk in der Kirche gesehen – allerdings unter Bedingungen, die seine künstlerische Wirkung nur eingeschränkt zur Geltung kommen ließen. "Das Bild hing an einem ungünstigen Standort und war schlecht beleuchtet", sagt Jan Schuback, Vorsitzender des Kirchengemeinderats der Laurentius-Gemeinde. Deshalb sei für die Gemeinde entscheidend gewesen, einen Ort zu finden, an dem das Gemälde fachgerecht bewahrt und für möglichst viele Menschen zugänglich gemacht werden könne.
"Die Entscheidung, ein Kunstwerk aus dem eigenen Besitz an einen anderen Ort zu geben, ist uns nicht leichtgefallen", betont Schuback. Schließlich gehöre es zur Geschichte der Gemeinde. "Wir geben dieses Bild jetzt nicht aus der Hand, um uns davon zu verabschieden. Wir geben es in gute Hände und freuen uns, dass es hier eine gute Zukunft hat", sagt er in seiner Rede bei der feierlichen Ausstellungseröffnung im St.-Annen-Museum.
Wie sehr die neue Präsentation den Blick auf das Werk verändert, bemerkte auch ein Gemeindemitglied, das das Gemälde aus der Kirche kennt: "In der Kirche bin ich an dem Gemälde immer vorbeigelaufen. Hier, mit dieser Beleuchtung und der unmittelbaren Nähe, kann ich jedes Detail erfassen und es mir in Ruhe ganz genau ansehen. Das ist toll."
"Die Opferung Isaaks": Biblische Geschichte und flämische Barockmalerei
Das Gemälde zeigt einen dramatischen Moment aus dem Alten Testament: Gott fordert Abraham auf, seinen Sohn Isaak zu opfern. Im entscheidenden Augenblick wird die Tat verhindert. Holz und Messer verweisen auf das bevorstehende Opfer, während die Körperhaltung Isaaks und die Reaktion Abrahams die Spannung der Szene bestimmen.
Noura Dirani, Direktorin des Museumsquartiers St. Annen, erläuterte bei der Eröffnung die kunsthistorischen und religiösen Bezüge des Werks. Auffällig ist, dass Isaak hier nicht als Kind, sondern als junger Mann dargestellt wird. Seine Haltung erinnert an Darstellungen des toten Christus. In der christlichen Bildtradition gilt Isaak als Vorausdeutung auf Christus und dessen Opfer.
Das Gemälde entstand nach kunsthistorischer Einschätzung zwischen 1655 und 1660. Jacob Jordaens (1593–1678/79) zählt neben Peter Paul Rubens und Anthonis van Dyck zu den bedeutendsten Vertretern der flämischen Barockmalerei. Lange blieb die Urheberschaft des Lübecker Bildes ungeklärt. Erst Untersuchungen um die Jahrtausendwende brachten es mit Jordaens in Verbindung.
St.-Annen-Museum präsentiert Gemälde in neu gestalteter Galerie
Die Präsentation des Gemäldes ist Teil der schrittweisen Neugestaltung der kulturhistorischen Dauerausstellung im St.-Annen-Museum. Das Werk gab zugleich den Anlass, die Gemäldegalerie neu zu ordnen. "Die vormals zugebauten Räume in der Dauerausstellung haben wir nun geöffnet. Wo früher Einbauten den Blick verstellten, entstehen jetzt Sichtachsen. Die Räume und die Werke treten miteinander in Beziehung", erklärt Dirani.
Bei der Neugestaltung richtet das Museum auch den Blick auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen der niederländischen Malerei. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Handel, der zum Wohlstand der Niederlande beitrug und zugleich auf Ausbeutung und Versklavung beruhte.
Für Dirani verbindet die neue Präsentation damit die Geschichte eines einzelnen Kunstwerks mit der Geschichte der Museumssammlung und der Frage, wie Museen heute mit ihrem kulturellen Erbe umgehen. Ihr Dank galt der Laurentius-Gemeinde für das entgegengebrachte Vertrauen sowie allen Beteiligten, die die Neugestaltung ermöglicht haben.