„Wir waren für viele nur die Bahnhofskinder“
Witali Wedler weiß, was passiert, wenn junge Menschen ihren Treffpunkt verlieren. Der heute 43-Jährige ist in Ratzeburg aufgewachsen. An seine Jugend in den 1990er-Jahren erinnert er sich noch genau. „,Die Kiste’ war damals unser Treffpunkt“, erzählt er. 50 bis 60 Kinder und Jugendliche kamen dort regelmäßig zusammen. Man traf Freunde, tauschte sich aus, verbrachte gemeinsam Zeit. „Handys gab es damals noch nicht.“ Umso wichtiger sei dieser Ort gewesen.
Doch irgendwann schloss die Stadt den Treffpunkt. Für die Jugendlichen hatte das unmittelbare Folgen. „Wir hatten plötzlich keinen Ort mehr, an dem wir uns aufhalten konnten. Also sammelten wir uns dort, wo es vor allem im Herbst und Winter trocken war – im Bahnhof.“ Die Gruppe bekam schnell einen Namen: die Bahnhofskinder. Wenn sie nicht am Bahnhof waren, trafen sie sich auf Spielplätzen, vor Wohnblocks, im Wald.
„Wir wussten nicht, wohin mit uns“
Was zunächst nach einem harmlosen Treffpunkt klingt, entwickelte sich zunehmend zum Problem. „Wir sorgten für Angst“, erinnert sich Witali. 2004 habe es richtig Schwierigkeiten gegeben. „Wir wussten nicht, wohin mit uns.“ Und wenn viele Jugendliche ohne Perspektive zusammenkämen, bleibe es nicht immer friedlich. „Der eine oder andere baut halt auch mal Mist.“
Witali erlebte damals, dass einige Jugendliche Gefahr liefen, auf die schiefe Bahn zu geraten. Er selbst war mittlerweile 22 Jahre alt und hatte inzwischen eine Möglichkeit gefunden, seine Energie sinnvoll einzusetzen: Sport. „Ich hatte erkannt, wie herausragend Sport sein kann, wenn man nicht so richtig weiß, wohin mit der eigenen Kraft.“
Er wollte diese Erfahrung weitergeben. „Ich habe mitgeholfen, andere Jugendliche von der Straße zu holen.“
Aus einer Idee wurde das Gleis 21
2006 entstand die Idee für einen neuen Jugendtreff in Georgsberg: das Gleis 21. Witali war von Anfang an dabei. „Zusammen mit anderen Leuten haben wir hier mitangepackt, beim Umbau geholfen.“ Es ging darum, einen Ort zu schaffen, an dem junge Menschen willkommen waren und ihre Freizeit verbringen konnten.
Witali brachte sich nicht nur handwerklich ein. Er begann auch, ehrenamtlich Kickboxkurse anzubieten. Ein Angebot, das zunächst nicht bei allen auf Begeisterung stieß. „Das bedurfte zunächst etwas mehr Überzeugungsarbeit“, erinnert er sich.
Dabei ging es ihm um weit mehr als sportliche Schläge und Tritte. Beim Training sollten Jugendliche lernen, ihre Kraft zu kontrollieren, Disziplin zu entwickeln und Selbstvertrauen aufzubauen. Sport als Möglichkeit, Stress abzubauen, Grenzen kennenzulernen und einen respektvollen Umgang miteinander zu finden.
Aus den ersten ehrenamtlichen Kursen entwickelte sich eine langjährige Arbeit mit jungen Menschen. Seit mittlerweile rund 20 Jahren ist Witali auch mit dem Ratzeburger Sportverein verbunden. Heute arbeitet er als Personal- und Jugendtrainer, hat gleich drei Gruppen, die er - bis heute - unentgeltlich trainiert.
Ein Ort, der mehr ist als ein Jugendtreff
Dem Gleis 21 hält er bis heute die Treue und ist regelmäßig zu Gast. Dass die Finanzierung der laufenden Mietkosten eine Herausforderung darstellt, beschäftigt auch Witali. Denn er weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig ein solcher Ort für junge Menschen sein kann. Das Gleis 21 war für ihn ein fester Anlaufpunkt, ein Ort der Begegnung und der Möglichkeiten. Und genau das möchte er auch kommenden Generationen ermöglichen.
Für ihn geht es deshalb um weit mehr als ein Gebäude oder ein Freizeitangebot. „Das Gleis 21 ist super wichtig, weil es Zufluchtsort, Auffangort und ein Ort ist, an dem Lösungen gefunden werden.“