Zwischen Domglocken und Dunkelheit: Pastorin besucht alte Gestapo-Zellen
Lübeck. Es ist ein Ort, an dem Geschichte nicht vergangen scheint. Dicke Mauern, feuchte Luft, schwere Türen aus Stahl. Kein Tageslicht. Nur Stille – und das dumpfe Gefühl, dass Angst sich in diese Räume eingeschrieben hat. Zum ersten Mal hat Pastorin Margrit Wegner von der Lübecker Domgemeinde die ehemaligen Gestapo-Zellen im Zeughaus am Fuße des Lübecker Doms betreten.
Zeitreise in eine düstere Zeit Lübecks
Das Zeughaus gehört zu den geschichtsträchtigsten Gebäuden Lübecks. Der dreigeschossige Backsteinbau im Stil der niederländischen Renaissance wurde 1594 vom Ratsbaumeister Hans von Rode errichtet. Ursprünglich als Kornspeicher genutzt, diente das Gebäude später als Wollmagazin und Waffenlager der Stadt. Im 20. Jahrhundert zog dort ein Polizeirevier ein – während der Zeit des Nationalsozialismus befand sich im Zeughaus schließlich die Gestapo-Zentrale für Norddeutschland. Im Untergeschoss lagen die Verhör- und Verwahrzellen. Bis heute erinnert das nahegelegene Mahnmal an die Opfer des Nationalsozialismus.
Anlass für den Besuch ist ein Filmprojekt für die „Zeit des Erinnerns“ im November 2026 gemeinsam mit Filmemacher Frank Wartner, Musiker Michael Haydn und Historiker Christian Rathmer.
“Die Kälte sitzt in den Wänden”
Für Margrit Wegner wurde der Besuch zu einer tief bewegenden Erfahrung. „Die Kälte sitzt in den Wänden“, sagt sie. „Vom strahlend blauen Himmel ist drinnen nichts zu ahnen.“ Während draußen beinahe sommerliche Temperaturen herrschten, habe unten in den Zellen eine bedrückende Atmosphäre gelegen: „Hier unten hört man nur wenige Laute von draußen. Kein Vogelzwitschern, kein Kinderlachen. Aber die Domglocken, die müssen die Gefangenen hier gehört haben.“
Besonders diese Nähe von Kirche und Terror habe sie beschäftigt. „Die Gestapo nebenan – das war für die Domgemeinde damals ja kein Geheimnis“, sagt Wegner. „War das zu ertragen? Wer hatte die Inhaftierten im Blick? Was gab ihnen Halt?“ Die Fragen seien geblieben, während sie durch die fast unveränderten Räume ging: vorbei an schweren Riegeln, Eisenringen im Boden und feuchten Mauern ohne Licht.
Ein in die Wand geritztes Kreuz
Eindruck hinterließ auch ein kleines Zeichen an einer Zellentür. „Über der Tür hat jemand ein Kreuz geritzt, wohl mit den Fingernägeln“, erzählt die Pastorin. „Herr, erbarme dich.“ In diesem Moment sei spürbar geworden, wie eng Verzweiflung und Hoffnung an solchen Orten beieinanderlagen.
Das geplante Filmprojekt soll nicht nur historische Fakten vermitteln, sondern auch die emotionale Dimension des Erinnerns sichtbar machen. „Ihre Angst ist noch zu spüren“, sagt Wegner über die Menschen, die hier einst eingesperrt waren. „Eine so unbarmherzige Kälte darf es nie wieder geben.“