Zwischen Schöpfung und Seelsorge: Frank Gottschalk findet Ruhe in der Natur
Lübeck. Wenn Frank Gottschalk früh am Morgen an der Wakenitz unterwegs ist, dann wird er beinahe unsichtbar. Leise bewegt er sich durch das Naturschutzgebiet, beobachtet das Licht, hört auf die Geräusche um sich herum und wartet. Manchmal stundenlang. Immer in der Hoffnung auf den besonderen Moment. „Ich fotografiere alles, was mir vor die Kamera rennt, fliegt oder läuft“, sagt der 60-Jährige und lacht.
Auf Fotoexkursion an der Wakenitz
Gottschalk leitet die TelefonSeelsorge in Lübeck. In seinem Berufsalltag hört er Menschen zu, begleitet Krisen, Sorgen und Ängste. Die Natur hingegen ist für ihn ein Ort der Ruhe – und die Fotografie ein wichtiger Ausgleich.
Die Leidenschaft begann bereits in seiner Jugend. Damals bekam er seine erste Kamera geschenkt, eine einfache Filmkamera mit Pocketfilm. 24 Bilder. Analog. Viele Jahre und viele Kameramodelle später, 2017, intensivierte er sein Hobby. Mit einer digitalen Spiegelreflexkamera begann er, die Natur neu zu entdecken. „In den ersten Monaten habe ich mir ein 400-Millimeter-Teleobjektiv gekauft, später dann ein 600-Millimeter-Tele. Damit eröffneten sich plötzlich ganz neue Möglichkeiten“, erinnert er sich.
Seither verbringt er viele Stunden draußen. Besonders die Tierwelt hat es ihm angetan. Dämmerungs- und nachtaktive Tiere – alles, was sich beobachten lässt, weckt seine Aufmerksamkeit. Oft startet er seine Touren im Sommer bereits vor Sonnenaufgang.
Mit dem Teleobjektiv durchs Naturschutzgebiet
Dabei gehört Geduld ebenso zur Ausrüstung wie die Kamera selbst. Denn Naturfotografie ist für Gottschalk vor allem eine Frage des Glücks. So gelang ihm eines Tages die Aufnahme eines Eisvogels bei der Nahrungssuche. Ein anderes Mal zog ein Seeadler seine Kreise direkt über ihm. Oder er entdeckte eine Ringelnatter von über einem Meter Länge. Fast auf Augenhöhe. „Sie wärmte sich in einem Geäst in der Sonne.“
Schöpfung durch die Linse betrachtet
„Das sind Momente, die man nicht planen kann. Wenn sie passieren, ist das ein unglaubliches Glücksgefühl“, sagt er. Besonders faszinieren ihn Greifvögel wie Mäusebussarde, Sperber, Turmfalken oder Rotmilane. 2025 erfüllte sich Frank Gottschalk den Traum einer Fotoreise nach Afrika.
Rund 2.000 Mal im Jahr löst er den Verschluss seiner Kamera aus. Einige seiner Bilder wurden bereits veröffentlicht, unter anderem im Jahresheft eines Anglervereins. Auch einen Naturkalender hat er bereits gestaltet, allerdings ohne kommerzielle Absichten.
Doch die Fotografie ist für ihn weit mehr als ein Hobby. Sie verbindet für ihn ökologische Fragen mit persönlichen und spirituellen Erfahrungen. Themen wie Klimawandel, Artensterben und Naturschutz beschäftigen ihn intensiv. „Für mich hat das alles auch eine religiöse Dimension“, sagt der Pastor. „Die Natur erinnert mich daran, wie wertvoll und zugleich wie verletzlich die Schöpfung ist.“
„In der Natur erlebe ich etwas von Gott“
Wenn er mit der Kamera unterwegs ist, erlebt er die Natur als besonderen Ort. „In der Natur zu sein, hat für mich etwas von einer Gotteserfahrung“, sagt Gottschalk. Gleichzeitig hilft ihm die Zeit draußen, Abstand vom Arbeitsalltag zu gewinnen. Die Stunden an der Wakenitz seien ein bewusstes Gegenstück zu den Herausforderungen seines Berufs. „Das ist für mich Psychohygiene“, sagt er. „Es ist wie ein Paralleluniversum, in dem ich dann bin.“
Für den Leiter der TelefonSeelsorge gehört beides untrennbar zusammen: sich um andere Menschen zu kümmern und auf die eigenen Kräfte zu achten. „Zu Seelsorge gehört auch Selbstfürsorge“, sagt Frank Gottschalk. Und so wird er auch in Zukunft immer wieder mit seiner Kamera an der Wakenitz stehen – aufmerksam, geduldig und bereit für den nächsten besonderen Augenblick.