Die Kirchenbauhütte des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg
Seit 1951 pflegt die Kirchenbauhütte Lübeck-Lauenburg historisches Erbe durch Sanierung und Erhaltung der rund 60 Kirchen im Kirchenkreis – eine einzigartige Verbindung von Handwerkstradition und Denkmalpflege in Norddeutschland.
Kirchenbauhütte : Einzigartig in ganz Norddeutschland
Seit ihrer Gründung im Jahre 1951 hat sie alle wichtigen Maurerarbeiten, viele Zimmerer- und sonstige Arbeiten an St. Marien, St. Petri, St. Jakobi, am Dom zu Lübeck und auch an vielen anderen Plätzen in beiden Bezirken des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg ausgeführt. Ihre besondere Kunst war die Neueinwölbung kriegszerstörter Gewölbe in mittelalterlicher Bauweise. Auf diese Art sind viele Gewölbe von St. Marien und St. Petri sowie alle 17 Gewölbe des gotischen Chores des Domes wiederhergestellt worden. Auch bei der Pflege der großen Kirchen fällt der Bauhütte eine zentrale Rolle zu. Sie hat sich bei allen denkmalpflegerischen Arbeiten, auch in kleineren Kirchen bestens bewährt. Von Travemünde bis Lauenburg kennt das Team der Bauhütte mittlerweile viele Türme, Gewölbe, Decken und Mauerwerke.
Zuständig für rund 60 historische Kirchen
Das Team eint die Begeisterung für ihren Beruf. Mit den Händen zu arbeiten, historische Werkstoffe zu nutzen, Altes zu erhalten und Handwerkstradition zu pflegen.
Seit 2010 ist die Kirchenbauhütte Lübeck-Lauenburg anerkannte Einsatzstelle für das Freiwillige Soziale Jahr in der Denkmalpflege, kurz FSJ. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bietet über ihre Jugendbauhütten jungen Menschen die Möglichkeit, verschiedene Berufsfelder im Denkmalschutz in Theorie und Praxis kennenzulernen. Insgesamt 62 historische Kirchen gibt es im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg. Sie alle gehören in das Aufgabengebiet der Bauhütte. Mit dem FSJler und dem Hüttenmeister sowie zwei Auszubildenen kümmern sich insgesamt mehr als zehn Fachleute um das sakrale geschichtliche Erbe direkt vor der eigenen Haustür.
Der Hüttenmeister
Der Hüttenmeister ist eine historische Berufsbezeichnung. Er organisiert und koordiniert alle Gewerke im Kirchenhandwerk und sorgt für Erfahrungsaustausch und Wissensvermittlung. Er ist stark mit anderen Hüttenmeistern vernetzt. Einmal im Jahr trifft man sich u.a. auf Dombaumeistertagungen, um sich mit Fachleuten aus ganz Deutschland die ebenfalls an den ganz großen Kirchen Europas arbeiten, auszutauschen, denn zu seinen Kirchen gehören u.a. die berühmten sieben Türme der fünf großen Innenstadtkirchen Lübecks. So ist er auch in Lübeck gut vernetzt und steht in regem Austausch mit den lübschen Gästeführern. Größtes derzeitiges Projekt ist die Sanierung der Sieben-Türme.
Aber auch die kleinen Kirchen sowohl in der Stadt als auch im ländlichen, üben einen Reiz auf den Maurermeister auf. Denn auch diese sind ursprüngliches, historisches Erbe, was es zu pflegen gilt.
Kirchraumpflege und Reinigungsarbeiten
Viele der Arbeiten im Handwerk sind vom Wetter abhängig. Frost, Schnee und Sturm zwingen auch die Männer der Kirchenbauhütte zu Pausen. Doch auch im Winter gibt es einiges zu tun. Dann gehen die Männer in die Gebäude und reinigen z.B. die Gewölbe der Kirchen, reparieren Fehlstellen in den Fußböden und kümmern sich um immer wiederkehrende anfallende Reparaturarbeiten. Immer wieder gibt es Holzarbeiten zu erledigen, viele Kirchen müssen gekalkt werden. Außerdem sind sie unverzichtbar in der Kirchraumpflege. Denn wo die Küster mit ihren Feudeln, Besen und Saugern nicht mehr hinkommen, rückt die Bauhütte auch mal Spinnweben und Staub zu Leibe. Mit Leitern und Gerüsten arbeiten sie viel weiter oben und sorgen für Glanz im Hause Gottes.
Wissen und Können seit dem Mittelalter
Die Organisation, die seit dem 13./14. Jahrhundert den langjährigen Kirchenbau durchführte und für die Bauunterhaltung zuständig war, wird seit dem Spätmittelalter ‘Hütte’ genannt. Die in den Werkstätten und auf der Baustelle arbeitenden Handwerker standen unter der verantwortlichen Leitung des Hüttenmeisters; sie wurden teilweise auch von der Hütte beköstigt und wohnten verschiedentlich in hütteneigenen Häusern.
Die Bauhütten des Mittelalters hatten noch einen anderen Personalbestand: Maurer, Ziegler, Steinmetze, Bildhauer, Steinbrecher, Mörtelmacher, Putzer, Tüncher, Zimmerleute, Dachdecker und Hüttenknechte bevölkerten die Baustelle. Die tägliche Arbeitszeit begann damals im Sommer schon um 5 Uhr früh und endete erst um 19 Uhr abends, morgens und mittags unterbrochen von einer Stunde Pause. Das ergab im Sommer eine tägliche Arbeitszeit von 11,5 Stunden. Da am Sonnabend schon um 17 Uhr Feierabend war, ergab das im Sommer eine wöchentliche Arbeitszeit von 67,5 Stunden. Im Winter reduzierte sich die Arbeitszeit auf zehn Stunden oder weniger. Die Tradition der Bauhütten ging mit der Zeit verloren und wurde vielerorts erst wieder im 19. und 20. Jahrhundert fortgeführt.
Es gibt wenige Hütten, die diese Zeit überdauert haben. Andere haben sich aber wieder neu gegründet und führen die Tradition heute fort. Die Errungenschaften des Bauhüttenwesens hat es ins Bundesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Unesco in Deutschland unter dem Titel “Best Practice” geschafft.
Sven Kalkhorst-Fechner
Leitung Kirchenbauhütte