Lübeck-Lauenburg

75 Jahre Kirchenbauhütte: Bausteine für die Zukunft

Lübeck. 75 Jahre Kirchenbauhütte — das wird am 11.9.2026 gefeiert. Damit die Institution, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen, weiterhin alte Kirchen und einzigartiges handwerkliches Wissen bewahren kann, wird sie von der Bauabteilung für kommende Aufgaben gerüstet.

Ein Austausch mit Liane Kreuzer

"Bei Bier und Korn, Schinkenbrot und Kerzenschimmer — an derben Holzbänken fast wie im Mittelalter — feierte die Kirchenbauhütte Lübeck jetzt ihr 25jähriges Bestehen", heißt es in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1976. Schon damals wurde die Arbeit der Handwerksleute gewürdigt: "Ohne Kirchenbauhütte Lübeck [...] wären die stolzen sieben Türme der Stadt längst eingefallen." 

Auch heute, noch einmal 50 Jahre später, trifft das nach wie vor zu: Die Kirchenbauspezialist:innen des Kirchenkreises sind diejenigen, die dafür sorgen, dass bei den Kirchengebäuden ein Stein auf dem anderen bleibt. Jahrhundertealtes Wissen wird von Generation zu Generation weitergetragen. Doch damit Tradition lebendig bleibt, muss sie sich weiterentwickeln. Deshalb stellt die Bauabteilung des Kirchenkreises schon seit längerem die Weichen für die Zukunft. Oder um sprachlich im Bild zu bleiben: Sie baut das Fundament als stabile Grundlage weiter aus.

#Baustein 1: Eine Satzung für die Rechtssicherheit

Einer der aktuell wichtigsten Bausteine: Eine Satzung, die am 1. August 2026 von der Synode des Kirchenkreises verabschiedet wurde. Sie definiert die Bauhütte als unselbstständiges Werk und Eigenbetrieb des Kirchenkreises und beschreibt ihren Auftrag: die Erhaltung, Instandsetzung und Restaurierung der denkmalgeschützten Kirchen, Kapellen und Gebäude – insbesondere der fünf Lübecker Innenstadtkirchen mit ihren sieben Türmen. Das klingt zunächst selbstverständlich, doch genau darum geht es: Dies war lange nicht so eindeutig geregelt, wie es unter heutigen Förder-, Vergabe- und Verwaltungsbedingungen notwendig ist. „Dort steht genau drin, wie was zu bearbeiten ist “, hat Liane Kreuzer, Leiterin der Bauabteilung des Kirchenkreises und damit auch der Kirchenbauhütte, den Kern der Satzung für ihre Kolleg:innen zusammengefasst. Für sie ist die neue Regelung weit mehr als eine Formalie: „Im Endeffekt ist das die Existenzgrundlage für die Hütte.“ Denn die Satzung schafft Rechtssicherheit – für den Kirchenkreis, für die Kirchengemeinden und nicht zuletzt für die Mitarbeitenden.

"Die Kirchenbauhütte hat diese Gebäude quasi im Kopf"

Die rechtliche Absicherung ist notwendig, weil die Kirchenbauhütte eine Aufgabe übernimmt, die weit über einzelne Reparaturaufträge hinausgeht. Ihre größte Stärke: die Kontinuität. "Einige Mitarbeiter arbeiten seit 30 oder 35 Jahren an denselben Kirchen. Sie kennen Mauern, Gewölbe und versteckte Winkel, erinnern sich an frühere Schäden und wissen, welche Materialien und Reparaturmethoden sich bewährt haben", sagt Kreuzer. "Die haben diese Gebäude quasi im Kopf."

Ein Leistungsverzeichnis - also eine detaillierte Liste aller Arbeiten und Materialien, die für ein Bauprojekt benötigt werden - kann dieses Wissen nur unvollständig erfassen. Denn auf dem Gerüst zählt auch der geübte Blick für das, was nicht ausdrücklich im Auftrag steht. „Die Kollegen gucken eben auch nach links und rechts“, sagt Kreuzer. Fällt ihnen an einer anderen Stelle ein Schaden auf, ignorieren sie ihn nicht, sondern beraten sich mit den Beteiligten, um eine Lösung zu finden. Eine weitere Qualität: die langjährigen Beziehungen zu den Kirchengemeinden. Viele kennen die Mitarbeitenden der Bauhütte persönlich und wissen, wen sie bei einem Problem anrufen können. Kreuzer: “Die Bauhütte ist für sie ein verlässliches Gegenüber, das die Geschichte und die Eigenheiten ihrer Kirche kennt - eine sichere Bank sozusagen.”

Wissen mit Bedeutung weit über Lübeck hinaus

Diese Nähe beginnt oft lange vor der eigentlichen Baumaßnahme - nämlich bei genauen Voruntersuchungen, welche die Kirchenbauhütte aufgrund ihrer Expertise leisten kann. Das erhöht nicht nur die Planungssicherheit, sondern verbessert die Kostenkalkulation und kann Bauabläufe verkürzen. Besonders in puncto Materialwissen kann hier die Lübecker Bauhütte zusätzlich punkten. Denn sie gilt als die einzige europäische Bauhütte mit besonderer Spezialisierung auf historische Backsteinkirchen. Ihr Wissen über Ziegel, Formsteine, Gewölbe, Schäden und historische Mörtel ist weit über Lübeck hinaus von Bedeutung.

#Baustein 2: Faire Bedingungen bei der Vergabe

Die neue Satzung klärt die Stellung der Bauhütte innerhalb des Kirchenkreises. Doch das führt zu einem weiteren "Baustein": Was geschieht, wenn Sanierungen mit Bundes-, Landes- oder EU-Mitteln gefördert werden? Dann greifen öffentliche Förderrichtlinien und Vergabevorschriften. Die Kirchenbauhütte muss sich bei den entsprechenden Bauleistungen häufig wie ein gewöhnlicher Handwerksbetrieb an einer Ausschreibung beteiligen. Unter diesen Bedingungen kann sie nach Einschätzung des Kirchenkreises jedoch kaum wettbewerbsfähig mitbieten. Denn: Die gemeinwohlorientierte Bauhütte lasse sich kaum allein über den Preis mit externen Betrieben vergleichen. In ihre Kalkulation fließen auch die schon genannte langjährige Gebäudekenntnis und Voruntersuchungen ein. „Wir wollen uns innerhalb der rechtlichen Regeln bewegen“, betont Kreuzer. „Aber wir brauchen eine Möglichkeit, uns darin auch bewegen zu können.“ 

Bischöfin Kirsten Fehrs und die damalige Pröpstin Petra Kallies wandten sich deshalb im April 2026 an Land und Bund. Unterstützt von den deutschen Bauhütten fordern sie, geeignete Arbeiten direkt vergeben zu können oder Erfahrung, Vorleistungen und Qualität stärker zu gewichten. Ziel sind faire Vergabebedingungen, die der besonderen Arbeitsweise der Bauhütte gerecht werden. Denn: "Kirche baut für Kirche" - so stand es schon in den Annalen.

Baustein #3: Nachwuchs für altes Wissen

Ebenso wichtig für den Fortbestand ist: der Nachwuchs. Mehrere langjährige Mitarbeitende werden in den kommenden Jahren das Rentenalter erreichen - und mit ihrem Ausscheiden aus der Kirchenbauhütte droht Wissensverlust. „Deswegen bin ich dafür, dass die Jungen von den Alten lernen“, sagt Kreuzer. Und das passiert aktuell schon: 2024 wurde die Kirchenbauhütte erstmals selbst Ausbildungsbetrieb - nachdem mehr als sieben Jahrzehnte lang bereits ausgebildete Gesellen eingestellt hat. Inzwischen gehören zwei Auszubildende zum Team, die nicht nur das Maurerhandwerk lernen, sondern von Beginn an mit historischen Materialien und an jahrhundertealten Gebäuden arbeiten. Ausbildungsberuf "back to the roots", wie die beiden Azubis auch kürzlich in einem Interview erzählten.

Genau diese Weitergabe ist der Kern des immateriellen Kulturerbes: Wissen bleibt nicht erhalten, indem es lediglich dokumentiert wird. Es muss praktisch angewendet, weiterentwickelt und von einer Generation an die nächste vermittelt werden. Und auch organisatorisch hat es im Laufe der Zeit Veränderungen gegeben. „Heute und in Zukunft gibt es keine hierarchischen mittelalterlichen Strukturen, sondern eine Teamstruktur“, sagt Kreuzer. Denn Sanierungen in diesem Bereich gelingen nur im Zusammenspiel von Handwerk, Bauabteilung, Planern und Denkmalpflege. Fachliche Zusammenarbeit und persönlicher Zusammenhalt gehören für sie deshalb untrennbar zusammen: „Man muss das alles immer als ein Team denken.“

Baustein #4: Gekommen, um zu bleiben

Vieles, was die Kirchenbauhütte leistet, bleibt außerhalb der Fachwelt unsichtbar. Umso wichtiger sei es, ihren besonderen Wert zu vermitteln, sagt Liane Kreuzer: „Wir müssen für uns sorgen; wir müssen gesehen werden. Sonst übersieht man uns – und dann sind wir irgendwann nicht mehr da.“ Ein wichtiger Schritt für mehr Sichtbarkeit war 2020 die Aufnahme des Bauhüttenwesens in das internationale UNESCO-Register guter Praxisbeispiele zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes. Sie machte deutlich: Bauhütten erhalten nicht nur historische Gebäude, sondern bewahren auch über Generationen gewachsenes Wissen und handwerkliche Fähigkeiten. 

Für 2028 ist zudem die Jahrestagung der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister in Lübeck geplant. All diese Aktionen haben das Ziel, dass auch die Menschen zum nächsten Jubiläum noch sagen können: Ohne die Kirchenbauhütte Lübeck sind die stolzen sieben Türme der Stadt und die Kirchen in Lauenburg nicht nur nicht eingefallen - nein, sie stehen in ihrer vollen Blüte. Und das darf mindestens mit Bier und ein paar Schinkenbroten bei Kerzenschein gefeiert werden.

Alte Gemäuer erhalten, reparieren und pflegen. Das Team der Kirchenbauhütte geht einer traditionsreichen Aufgabe nach.