Lübeck-Lauenburg

Azubis der Kirchenbauhütte: Wo Jahrhunderte auf junge Jahrgänge treffen

Lübeck. Sie sind erst gut ein bzw. zwei Jahre Teil des Teams der Kirchenbauhütte, aber jetzt schon verewigt. Die beiden Maurer-Lehrlinge Amelie Höls und Oskar Rißmann waren live mit dabei, als eine Zeitkapsel beim Verfüllen einer Grube auf der Baustelle in St. Marien zu Lübeck vergraben wurde. Und zwar: Ein Metall-Behälter mit einem aktuellen Flyer der Kirchenbauhütte, einer Liste aller Personen auf der Baustelle, einem Hinweis, dass ein weiterer Lehrling gesucht wird - und einem Brief. 

„Dadurch, dass die Kapsel aus Metall ist, geht sie nicht so schnell kaputt – selbst wenn da mal jemand mit einem Bagger oder einer Schaufel draufstößt“, sagt Amelie Höls. Und der Inhalt hat die Chance der Nachwelt lange erhalten zu bleiben, selbst wenn jemand in Jahrzehnten oder vielleicht sogar Jahrhunderten erst den Boden wieder öffnet.

Zurück zum Ursprung des Handwerks

Es ist dieses "Bauen an der Ewigkeit", was die Arbeit - und damit auch die Ausbildung - in der Kirchenbauhütte so besonders macht.

„Wir sind Kirchenspezialisten", sagt Oskar Rißmann. "Wir kümmern uns um alles, was an den Kirchen grundsätzlich für den Erhalt gemacht werden muss – das heißt, wir setzen nicht nur eine Wand  oder führen Fugenarbeiten aus. Wenn es mal eine Decke zu kalken gibt, dann ist es eben mal eine Decke kalken.“ Für ihn ist das Besondere an der Arbeit, dass es sozusagen zurück zum Ursprung des Handwerks geht. 

Kein "Kleben" - also das Vermauern von maßgenauen Steinen oder Plansteinen mit einer sehr dünnen Mörtelschicht, wie es heute bei vielen Neubauten üblich ist - sondern die Arbeit mit individuellen Steinen und weiteren darauf abgestimmten Baumaterialien. Wobei auch immer Vorsicht geboten ist: "Wenn man beispielsweise eine Wand in einer Kirche aufstemmt, muss man darauf achten, die ursprünglichen Steine zu erhalten, weil sie häufig schon sehr alt sind und nicht mehr hergestellt werden", sagt der Auszubildende. "Beim Ausbau werden die Fugen vorsichtig entfernt und die Steine einzeln herausgenommen, statt größere Bereiche einfach abzubrechen, damit die Steine später wiederverwendet werden können."

Maurer-Azubi bei der Kirchenbauhütte gesucht!

Das Team der Kirchenbauhütte Lübeck-Lauenburg sucht weiter Nachwuchs - und hat noch einen Platz für einen Auszubildenden oder eine Auszubildende im Maurerhandwerk. Laut den Auszubildenen Oskar Rißmann und Amelie Höls sollten Kandidat:innen vor allem Folgendes mitbringen: Motivation, Interesse an alten Materialien und traditionellem Handwerk - und eine Prise Humor. Bewerbungen können gesendet werden an:
info-kirchenbauhuette.ll@nordkirche.de

"Den Beruf lerne ich auf jeden Fall"

Für den Auszubildenden im dritten Lehrjahr war mehr oder weniger schon früh klar, dass er die Maurer-Laufbahn einschlagen würde. Handwerk und Technik haben ihn immer schon interessiert; sein Vater ist auch gelernter Maurer und heute Berufsschullehrer in Mölln. Nach einem Praktikum bei einer Baufirma in der achten Klasse und einem Praktikum in der neunten Klasse bei der Kirchenbauhütte, hat sich Oskar Rißmann nach der zehnten Klasse mit der inneren Überzeugung "Den Beruf lerne ich auf jeden Fall" eben genau dort beworben - bei der traditionsreichen Handwerksstätte des Kirchenkreises.

Erste Auszubildende in der Geschichte der Kirchenbauhütte

Amelie Höls hingegen ist über einen kleinen Umweg zur Kirchenbauhütte gekommen. Ursprünglich hatte sie sich an der Technischen Hochschule Lübeck für ein Architekturstudium beworben – Voraussetzung dafür: ein rund achtwöchiges Vorpraktikum. Ihre Mutter, die im Kirchenkreis in der Verwaltung arbeitet, hat sie schließlich darauf aufmerksam gemacht, dass sie das doch in der Kirchenbauhütte absolvieren könnte. Gesagt, getan. "Dabei habe ich gemerkt, dass mir das unfassbar Spaß macht", sagt Amelie Höls. Gepackt hat sie das Praktische, die Arbeit mit den unterschiedlichen Materialien, die alten Techniken; nicht nach "Schema F" zu werkeln, sondern nach neuen Wegen zu schauen. Und so entschied sie sich erst einmal für die Maurer-Ausbildung, mit der sie jetzt ins zweite Lehrjahr startet. Sie ist auch der erste weibliche Lehrling der Kirchenbauhütte in ihrer Geschichte. „Die Leute sind überrascht, freuen sich aber auch und stellen viele Fragen, wenn sie sehen, was ich beruflich mache", erzählt sie. "Die häufigste Frage ist: Ist das nicht zu anstrengend als Frau? Aber am Ende kommt meistens das Kompliment, dass sie es total cool und unterstützenswert finden – weil das Maurerhandwerk ja doch noch sehr männerdominiert ist.“

Handwerk für die Nachwelt

Und was stand nun in dem Brief für die Nachwelt, der mit der Zeitkapsel vergraben wurde? „Wir haben uns einen kurzen, witzigen Text überlegt: dass wir hier waren, dass wir dieses Loch ausgegraben haben, dass da unten nicht mehr viel zu finden ist außer wunderschönen Wandmalereien und einem Ziegelfußboden – und man daher jetzt nicht mehr auf Schätze hoffen muss", erzählen die Auszubildenden. So etwas zu hinterlassen, hat für die Handwerker:innen eine besondere Bedeutung. „Wenn man weiß, dass man an einer bestimmten Baustelle gearbeitet hat, ist man schon stolz darauf", sagt Amelie Höls. "Wenn man später wieder einmal in die Kirche kommt, denkt man: Da war ich Teil davon, an dieser Stelle habe ich gearbeitet und etwas wiederhergestellt." Ebenso gehört die Spuren früherer Generationen zu finden, zu den interessantesten Momenten. Da finden sich eingeritzte Jahreszahlen in Fensterstürzen, Gedenktafeln, versteckt in einer Dachnische, Fuß- oder sogar Pfotenabdrücke. "Ich glaube, in jeder Kirche hat sich irgendwo jemand irgendwie verewigt“, sagt Amelie Höls. "Und das ist einfach superspannend."
 

Die Kirchenbauhütte

Die Kirchenbauhütte Lübeck-Lauenburg, einzigartig in Norddeutschland, kümmert sich seit 1951 um den Erhalt und die Sanierung der 72 denkmalgeschützten Kirchen und Kapellen im Kirchenkreis. In diesem Jahr feiert sie ihr 75-jähriges Bestehen – am 11. September wird dieses Jubiläum gebührend begangen. Die neun Handwerker und zwei Lehrlinge der Kirchenbauhütte bewahren nicht nur Gebäude, sondern auch jahrhundertealtes Wissen: Die Tradition der Bauhütten reicht bis ins Mittelalter zurück und verbindet überlieferte Handwerkstechniken mit moderner Denkmalpflege. Das Bauhüttenwesen ist von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.