"Da will dir jemand ans Leben": Pastor Kai Feller zum Angriffskrieg auf die Ukraine
Lübeck/Ratzeburg. Am 24. Februar 2022 begann die russische Invasion in der Ukraine. Hunderttausende Menschen sind in dem Zermürbungskrieg bereits auf beiden Seiten getötet worden. Ein Ende der Kämpfe ist nicht absehbar, die politischen Fronten sind verhärtet.
Kai Feller, Ökumene-Pastor im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg, war in den vergangenen Jahren regelmäßig in der Ukraine, hat Hilfstransporte begleitet und immer wieder auf die Not der Menschen vor Ort aufmerksam gemacht.
Fünf Fragen an Ökumene-Pastor Kai Feller
Vor vier Jahren begann der Angriff Russlands auf die Ukraine. Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, was fühlen Sie?
Kai Feller: Was mich froh macht: Es gibt noch eine Ukraine und sie ist resilienter, kreativer und innovativer als noch vor vier Jahren. Was mich traurig macht: Seit vier Jahren überzieht Russland Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer mit seinem Bombenterror. Und das macht mich wütend: Dass wir den Himmel nicht einmal über der Westhälfte der Ukraine schließen, um die Bevölkerung zu schützen.
Sie waren immer wieder in der Ukraine, haben selbst Angriffe miterlebt. Wie verarbeiten Sie das Erlebte?
Es ist anders als am Bildschirm. Erst kommst du dir vor wie in einem Film oder im Traum. Aber dann spürst du: Da will dir wirklich jemand ans Leben. Die spielen nicht, die meinen es ernst.
“Die spielen nicht, die meinen es ernst”
Wie gehen die Menschen vor Ort damit um? Hat sich das Gefühl der Menschen verändert in Ihrer Wahrnehmung?
In Cherson habe ich Kinder gesehen, die stellen sich einfach tot, wenn sie ein Surren hören. Für sie ist es völlig normal, von FPV-Drohnen gejagt zu werden. In Mykolajiw fragte ich bei Luftalarm einen alten Mann nach dem nächstgelegenen Bunker. Der lachte nur und meinte: Ach was, es kommt, wie es kommt. Und als Russland in der Nacht zum 12. Juli 2025 erstmals das historische Stadtzentrum von Lwiw mit Shahed-Drohnen angriff (ich war zufällig ganz in der Nähe), sagten mir Binnenvertriebene am nächsten Tag: "Und wir dachten, wenigstens hier wären wir sicher." - Das dachte ich auch.
Würde, Selbstbestimmung, Freiheit
Was wäre Ihr sehnlichster Wunsch für die Ukraine und wen sehen Sie jetzt in der Pflicht?
Ich wünsche der Ukraine, dass sie ihre Würde, ihre Selbstbestimmung und ihre Freiheit erfolgreich verteidigt. Das ist die Voraussetzung für Frieden in ganz Europa. Als Europäer:innen sind wir nicht nur in der Pflicht. Es ist in unserem eigenen Interesse, die europäische Friedensordnung wieder herzustellen und den Aggressor zur Verantwortung zu ziehen. Andernfalls ist es nur eine Frage der Zeit, bis russische Kampfdrohnen uns auch hierzulande schlaflose Nächte bereiten.
Gibt es eine Begegnung in den vergangenen vier Jahren, die Ihnen seither immer wieder durch den Kopf geht?
Ja, mein erster Besuch im Kinderrehabilitationszentrum von Cherson. Die Begegnung mit den Kindern hat mich emotional stark berührt. Besonders, als sie mir mit funkelnden Augen von ihren schönsten Erlebnissen erzählten. Zum Beispiel, wie sie herrenlos gewordene Hunde oder Katzen füttern durften. Sie werden selber von den benachbarten russischen Streitkräften wie Wildtiere gejagt. Deshalb haben sie ihre Schule jetzt in einem Bunker unter der Erde.
Kundgebung in Lübeck am 24. Februar 2026
Am 24. Februar 2026 findet in Lübeck ab 17 Uhr eine Kundgebung zum vierten Jahrestag des Angriffs Russland auf die Ukraine statt. Mehr Informationen gibt es hier.