Lübeck

Geschichten aus dem Tickethäuschen: Das Lächeln von St. Marien

Lübeck. Um die Mittagszeit steht die Sonne hoch über St. Marien zu Lübeck. Sie wirft in die Briefkapelle ein Licht, das die dunklen Stühle beinahe goldbraun glänzen lässt. Die Fenster schimmern grell, es ist warm und in der Ecke mit zwei Stühlen und einem Tisch sitzt Karin Stark-Schröder. Sie kommt gerade von ihrer Schicht im Tickethäuschen. „Manchmal denken Touristen, sie sind in der Petri-Kirche“, sagt sie und lacht.

Ein Besuch am Kassenhäuschen

Ob St. Petri oder St. Marien - beide gehören zu den berühmten Altstadtkirchen und sind Publikumsmagnete. Inzwischen das ganze Jahr über, aber in der Urlaubszeit sind die Kirchen besonders frequentiert. Karin Stark-Schröder ist eine von 13 Ehrenamtlern, die zwei bis dreimal in der Woche für je zwei Stunden die Eintrittstickets verkauft. Die Kirchentür geht auf und zu, es ist ein Kommen und Gehen. Hunde kläffen, Kinder quengeln. Manche Besucher schlurfen einfach herein, andere bleiben schon am Eingang ehrfürchtig stehen. Sie recken die Köpfe in die Gewölbe, blättern in den Info-Flyern und sind hin und weg vom Charme des alten Backsteins. 

Vielleicht ist mancher auch überwältigt von diesem riesigen Koloss mitten in der City von Lübeck. Geduldig reicht Stark-Schröder die Karten aus dem kleinen Häuschen, sie wechselt wie selbstverständlich zwischen Deutsch, Englisch und Französisch. „Die Touristen sind glücklich, wenn man sie in ihrer Sprache anredet“, sagt sie. „Ich habe als Kind Ferien auf dem Bauernhof meiner Tante in Schweden gemacht. Daher kann ich sogar ein bisschen Schwedisch.“

Karin Stark-Schröder ist seit 2010 im Team

Karin Stark-Schröder ist 85 Jahre alt und seit 2010 im Team. Kaum auszudenken, wenn es die vielen Ehrenamtler nicht gäbe. Wenn sie morgens um 10 Uhr ihren Dienst beginnt, noch allein ist in der Kirche und die Ruhe in den hohen Gewölben spürt, das ist immer ein besonderer Moment. „Ich fühle mich dann geborgen“, sagt sie. 

Das Tickethäuschen misst etwa zehn Quadratmeter, Karin Stark-Schröder bedient eine große Kasse, ein Bildschirm blinkt Touristeninformationen in den Eingang, im Wasserkocher sprudelt Wasser für einen Tee oder Kaffee. Die Tickets waren früher ein Erhaltungsbeitrag, heute ist es der MarienTaler für fünf Euro. Karin Stark-Schröder lächelt und lädt jeden ein, im Gotteshaus zu verweilen. 

Manche Besucher kehren wieder um, wenn es ans Bezahlen geht. „Die sagen: 'Wieso Eintritt, ich bezahle doch schon Kirchensteuer.'“ Einmal redet sie mit einem Touristen, erklärt ihm, die Kirche gehört zum Weltkulturerbe, wir wollen sie erhalten, da dreht sich der Mann um und blafft: „Ich aber nicht.“ Karin Stark-Schröder sagt: „Das fand ich dreist.“ Früher, als es das Ticktethäuschen noch nicht gab, hat sie an einem Infotisch am Eingang gestanden. Es war oft kalt, sagt sie, und so hat man den kleinen Kasten mit den Glasfenstern aufgebaut.

Zwischen Glocken und Gewölben

Man darf in der Kirche fotografieren, und so hält fast jeder Besucher mit dem Handy auf das, was St. Marien ausmacht: die Totentanzkapelle, das Taufbecken, der Marienaltar und die zerstörten Bronzeglocken der Bombennacht vom 28. auf den 29. März 1942, als die Kirche nahezu vollständig ausbrennt. Stark-Schröder kann dazu viele Geschichten erzählen. Die von einem älteren Mann, der konfirmiert werden sollte, damals an jenem Sonntag im März 1942, als die Kirche in Flammen stand. Ein anderer erzählte, er habe sie lodern sehen. Ihr ist mal ein Kind begegnet, das einen Kleber für die kaputten Glocken mitbringen wollte.

Der MarienTaler

Der MarienTaler fließt vollständig in den Erhalt der Kirche und ihrer Kunstschätze. Für ein persönliches Gebet, das Anzünden von Kerzen sowie für den Besuch von öffentlichen Andachten und Gottesdiensten wird der MarienTaler nicht erhoben. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Erwachsene zahlen fünf, ermäßigt sind es drei Euro. In den Sommermonaten ist die Kirche acht Stunden am Tag durchgängig geöffnet. Es werden etwa 400.000 Besucher im Jahr gezählt.

Die Briefkapelle ist an diesem frühen Samstagnachmittag geschlossen, denn hier sitzt Karin Stark-Schröder und erzählt auch von einem kleinen Tagebuch, in dem die Kartenverkäufer Informationen und Notizen aufschreiben, um die vielen Fragen der Touristen zu beantworten. Sie fragen nach der Kirchenmaus Rosemarie, nach dem Apostel mit der coolen Sonnenbrille, nach dem Kunstfälscher Lothar Malskat, nach Turm- und Gewölbeführungen, nach Gottesdiensten, Andachten und dem Teufel vor der Kirchentür.

Totentanz und Touristen

Das alles gehört zur Geschichte der Kirche, die von 1251 bis 1351 erbaut wurde und als „Mutterkirche der Backsteingotik“ gilt. Die riesigen Gewölbe im Mittelschiff sind 38,5 Meter, in den Seitenschiffen 20,5 Meter hoch. St. Marien wird seit 2011 von Pastor Robert Pfeifer geleitet. Gerade war Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in Lübeck und hat ihm einen Scheck über Bundesfördermittel in Höhe von 14 Millionen Euro übergeben. Bei Sanierungsarbeiten wurden in diesem Jahr Feldsteinfundamente und Reste einer romanischen Basilika aus der Zeit um 1200 sowie alte Grüfte und Wandmalereien entdeckt. Nicht nur die Touristen staunen, was bei den Ausgrabungen so alles ans Licht kommt. 

Geschichte und Geschichten in St. Marien

Karin Stark-Schröder ist 1941 in Ostpreußen geboren, mitten im Krieg. Als sie von den Erinnerungen an ihre Kindheit erzählt, schwimmen Tränen in ihren Augen. Ihre Mutter war mit 22 Jahren Witwe, der Vater ist im Krieg gefallen. Karin ist eines von vier Kindern. Die Mutter habe viel geweint, sagt sie. Vielleicht sind es auch ihre Tränen, die Stark-Schröder übers Gesicht laufen. Die Familie ist 1944 nach Kellinghusen geflohen. Stark-Schröder wollte bald raus von zu Hause und kam mit 20 Jahren nach Lübeck. Auf Schulausflügen ist sie schon damals auf die Stadt und St. Marien aufmerksam geworden. 

Sie ist gelernte Industriekauffrau, in zweiter Ehe verheiratet und hat einen Sohn. Ihre Mutter ist 2019 verstorben, die Leere, die sie hinterlässt, ist nicht zu füllen. Ihr Bruder stirbt schon 1994. An gebrochenem Herzen, sagt Stark-Schröder, er hatte den Verlust seines Lebensgefährten nicht verkraftet. Wieder wischt sie sich Tränen weg. Vielleicht heilt Zeit doch nicht alle Wunden. Die Geburt ihres Sohnes 1973 war ihr größtes Glück, und so ist es immer, Leben und Sterben gehören in jede Familie. 

St. Marien, das ist eine Kirche mit einer faszinierenden Geschichte, erzählt über Generationen hinweg. Und dann ist da die Geschichte von Karin Stark-Schröder, eine, wie sie das Leben schreibt. Große Geschichten machen eine Kirche berühmt. Die kleinen halten sie lebendig. Karin Stark-Schröder schließt die Tür der Briefkapelle mit einem kräftigen Ruck hinter sich zu. „Es gibt so viele nette Kollegen bei den Ehrenamtlichen. Ich will mich gar nicht hervortun“, sagt sie noch. Zum Abschied.

City-Seelsorge

Inmitten der Besucherströme bietet die Kirche auch stille Momente. Die „Offene Tür – City-Seelsorge an St. Marien“ ist jeden Donnerstag von 15 bis 17 Uhr in der Seelsorge-Kapelle im nördlichen Seitenschiff geöffnet. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, die Gespräche bleiben vertraulich.