Mehr als Mauern: Wie die Liegenschaften Kirche möglich machen
Lübeck. Sommerzeit ist Interviewzeit. Wir lassen Menschen aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen des Kirchenkreises zu Wort kommen, stellen Aufgabenfelder vor, werfen den Blick hinter die Bürotüren. Heute im Gespräch: Toralf Sauerteig. Der 39-Jährige arbeitet seit Herbst 2013 im Kirchenkreis, war seit 2017 zunächst Sachgebietsleiter Liegenschaften und ist seit der Umstrukturierung Abteilungsleiter von sieben Mitarbeitenden.
Sommerinterview mit Toralf Sauerteig
Wie würden Sie die Arbeit der Liegenschaften jemandem erklären, der glaubt, Kirche kümmere sich nur um Gottesdienste?
Toralf Sauerteig: Kirche braucht Orte. Gottesdienste, Seelsorge, Kinder- und Jugendarbeit, Kirchenmusik oder diakonisches Handeln finden auf Grundstücken und in Gebäuden statt. Unsere Aufgabe beginnt deshalb beim kirchlichen Grundeigentum. Wir verwalten, entwickeln und sichern Grundstücke und die darauf befindlichen Immobilien so, dass sie dauerhaft den kirchlichen Auftrag unterstützen. Man könnte sagen: Wir schaffen die räumlichen und rechtlichen Voraussetzungen dafür, dass Kirche ihren Auftrag erfüllen kann.
Wann und wie kommen Ihr Team und Sie als Liegenschaften ins Spiel?
Toralf Sauerteig: Eigentlich immer dann, wenn kirchliches Grundeigentum betroffen ist. Das kann der Ankauf oder Verkauf eines Grundstücks sein, die Bestellung eines Erbbaurechts, eine Verpachtung, eine Dienstbarkeit für Leitungen oder Mobilfunk, aber auch die Vermietung einer Wohnung oder die Zuweisung eines Pastorats. Wir begleiten die Kirchengemeinden von der ersten Idee bis zur kirchenaufsichtlichen Genehmigung und sorgen dafür, dass Entscheidungen rechtssicher, wirtschaftlich und nachhaltig getroffen werden. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht darin, Prozesse zu strukturieren und die Kirchengemeinden fachlich zu beraten.
Kirchliche Gebäude sind mehr als Steine und Dächer. Was macht sie für Sie so besonders?
Toralf Sauerteig: Kirchliche Gebäude erzählen die Geschichte einer Gemeinde. Sie sind Orte, an denen Menschen getauft werden, heiraten, Abschied nehmen und Gemeinschaft erleben. Gleichzeitig sehe ich sie immer auch im Zusammenhang mit dem Grundstück, auf dem sie stehen. Denn das Grundstück bleibt dauerhaft kirchliches Vermögen und eröffnet Möglichkeiten für zukünftige Generationen. Unsere Aufgabe ist es deshalb, Geschichte zu bewahren und gleichzeitig Entwicklung zu ermöglichen.
“Kirchliche Gebäude erzählen Geschichten”
Der Kirchenkreis und die Kirchengemeinden besitzen zahlreiche Gebäude. Welche Verantwortung bringt das mit sich?
Toralf Sauerteig: Vor allem die Verantwortung für das kirchliche Vermögen. Grundstücke und Immobilien wurden über viele Generationen aufgebaut und an uns weitergegeben. Wir verwalten sie treuhänderisch und müssen dafür sorgen, dass ihr Wert erhalten bleibt und sie dem kirchlichen Auftrag dienen. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Aspekte, sondern ebenso um Rechtssicherheit, Nachhaltigkeit und den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Jede Entscheidung muss deshalb sorgfältig geprüft werden und sich langfristig tragen.
Welche Herausforderungen beschäftigen Sie derzeit am meisten?
Toralf Sauerteig: Die größte Herausforderung besteht darin, den Immobilienbestand an die veränderten gesellschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen anzupassen. Nicht jedes Gebäude wird dauerhaft in seiner bisherigen Form genutzt werden können. Gleichzeitig steigen Baukosten, gesetzliche Anforderungen und der Aufwand für die Bewirtschaftung. Deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage, wie Grundstücke und Gebäude künftig optimal genutzt werden können. Manchmal bedeutet das Erhalt, manchmal Umnutzung und manchmal auch die Überführung in eine geänderte Nutzung in anderer Eigentümerschaft, vorrangig im Rahmen von Erbbaurechten.
Vom Pastorat bis zur Photovoltaik: Die Vielfalt der Liegenschaften
Wie gelingt es, wirtschaftliche Vernunft und emotionale Bindung der Menschen miteinander zu verbinden?
Toralf Sauerteig: Indem wir transparent miteinander sprechen und frühzeitig Beteiligte einbeziehen. Viele Menschen verbinden mit einer Kirche oder einem Gemeindehaus persönliche Erinnerungen. Das verdient Respekt. Gleichzeitig tragen wir Verantwortung dafür, dass kirchliches Vermögen auch in Zukunft handlungsfähig bleibt. Wirtschaftlichkeit und Identifikation sind deshalb keine Gegensätze, sondern müssen gemeinsam gedacht werden. Gute Lösungen entstehen dort, wo beide Perspektiven ernst genommen werden.
Gibt es Begegnungen oder Geschichten, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Toralf Sauerteig: Mich beeindruckt immer wieder, mit welchem Engagement sich Ehrenamtliche für ihre Grundstücke und Gebäude einsetzen. Dabei wird deutlich, dass es nie nur um Mauern oder Dächer geht. Hinter jeder Liegenschaft stehen Menschen, die Verantwortung übernehmen und ihre Gemeinde gestalten möchten. Diese Gespräche zeigen mir immer wieder, dass Liegenschaftsarbeit letztlich Arbeit für Menschen ist.
Klimaschutz ist auch für die Kirche ein großes Thema. Welche Rolle spielt er bei den Liegenschaften?
Toralf Sauerteig: Eine zentrale Rolle. Grundstücke und Gebäude bieten großes Potenzial für den Klimaschutz – sei es durch energetische Sanierungen, maßvollen Zubau von Photovoltaik- und Windkraftanlagen, nachhaltige Verpachtung landwirtschaftlicher Flächen oder die Entwicklung zukunftsfähiger Nutzungskonzepte. Für mich gehört der verantwortungsvolle Umgang mit dem kirchlichen Grundeigentum unmittelbar zur Bewahrung der Schöpfung. Nachhaltigkeit bedeutet dabei immer, ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte gemeinsam zu betrachten.