Seit 32 Jahren bei der Kirchenbauhütte: Steinreich an Erfahrung
Lübeck. Die Kirchenbauhütte wird 75 Jahre alt - Zeit, mit einem der "alten Hasen" aus dem Team zu sprechen: Christian Bracker ist schon seit 32 Jahren mit dabei und damit einer der Dienstältesten bei den Kirchenbauspezialist:innen. Ein Gespräch über große Gewölbe und den Mörtel, der die Menschen zusammenhält.
Jeden Tag, wenn Christian Bracker zur Kirchenbauhütte an St. Petri zu Lübeck kommt, fällt sein Blick auf eine Backsteinschnecke. Vor einem guten Jahrhundert hat ein Maurer für das Ornament in dem Gebäude hinter der Kirchenbauhütte alles gegeben: radiale Ziegelreihen mit keilförmigen Steinen gesetzt, um eine fast plastische Schneckenform herauszuarbeiten. "Wo hat der da angefangen?", fragt Christian Bracker nicht ohne Bewunderung.
Der tägliche Blick auf die Backsteinschnecke
Solche Giebelvoluten sind dem Maurer und Ausbildungsleiter in seiner Laufbahn bei der Kirchenbauhütte noch nicht begegnet - dabei hat er in den 32 Jahren, die er jetzt schon mit dabei ist, einige bauliche Besonderheiten gesehen. Um nicht zu sagen: Sie sind sein täglich Handwerk. Besonders in Erinnerung geblieben ist dem Ausbildungsleiter die 2014 abgeschlossene Sanierung des Gewölbes in St. Petri - da hatten sich durch Bewegungen im Bauwerk Teile abgesenkt. Bracker: “Da war Gefahr im Verzug.”
Bei Kirchengewölben: Dreidimensional denken und arbeiten
Vor allem die Form des Gewölbes stellte alle Beteiligten damals vor eine große Herausforderung. „Wenn du von der 'Busung' eines Gewölbes sprichst, musst du dir gedanklich einen Luftballon vorstellen, der nicht überall gleichmäßig rund ist, den du ummauerst“, erklärt er. „Du musst dreidimensional denken und arbeiten. Die Rundung muss am Ende harmonisch sein – ohne Knick oder Abbruchkante.“ Was auf einer Zeichnung noch nachvollziehbar erschien, stellte sich auf der Baustelle schnell deutlich komplexer dar. „Es ist etwas anderes, ob du dir anschaust, wie ein Gewölbe funktioniert, oder ob du tatsächlich vor diesem Loch stehst und denkst: So, und jetzt mach mal.“ Teilweise musste bereits Gemauertes mehrmals zurückgebaut werden; ein Modell brachte schließlich die Lösung. Doch bis dahin bedeuteten die Arbeiten nicht nur körperlich, sondern auch nervlich eine hohe Anspannung - selbst für die Handwerker:innen mit viel Erfahrung im Bereich Kirchenbauten.
Team Hase bei der Kirchenbauhütte
Und davon hatte Christian Bracker selbst vor mehr als zehn Jahren schon reichlich angesammelt. 1984 begann er seine Ausbildung zum Maurer bei einem alteingesessenen Lübecker Bauunternehmen, das bereits viel in der Sanierung und Denkmalpflege arbeitete. Zur Kirchenbauhütte kam er schließlich 1994 - über einen Berufsschullehrer, der von der Institution erzählt hat. "Das hat mich so ein bisschen neugierig gemacht", sagt der 59-Jährige. "Und dann stand dann irgendwann in der Zeitung so eine Stellenausschreibung und daraufhin habe ich mich glatt beworben - und das hat dann auch geklappt." Jetzt ist derjenige, der gern alle im Team nach Laune "Hase" nennt, schon einer der alten Hasen. Und spätestens seit St. Petri weiß er: „Jedes Gewölbe ist anders. Nur weil du einmal eins gemauert hast, heißt das nicht, dass du das nächste genauso machen kannst.“
Große Bauten, viele Erinnerungen
Keine Patentrezepte und immer wieder Arbeit am ganz Großen. So zum Beispiel bei St. Marien. Christian Bracker war hier rund 15 Jahre immer wieder im Einsatz. „Wenn du so einen Strebepfeiler neu mauerst, ist das schon etwas anderes, als irgendwo einfach ein Loch zuzumauern“, sagt er. Die Dimensionen, die vom Boden aus kaum wahrnehmbar sind, werden erst oben auf dem Gerüst ganz deutlich. Und natürlich hinterlässt jahrzehntelange Arbeit an solchen Gebäuden auch ganz persönliche Spuren. Wer mit ihm durch Lübeck fährt, kommt an vielen Orten vorbei, mit denen sich Erinnerungen verbinden. „Das habe ich tatsächlich täglich. Du fährst irgendwo vorbei und denkst: Mensch, da hast du damals gebaut.“
Arbeiten in hochsensiblen Bereichen
Und so wandert sein Blick immer wieder an Fassaden entlang, selbst wenn er im Urlaub an einer Baustelle vorbeikommt, heißt es erst mal: Gucken, was die da machen. Und wie sie es machen. "Reine Berufskrankheit", sagt er. Dabei kommt es in seinem Job gar nicht nur auf das reine Handwerk an. Als Ausbildungsleiter gibt er seinen Lehrlingen noch mehr mit - zum Beispiel, dass man sich in historischen Kirchen anders bewegt als auf einem Neubau: „Das ist ein hochsensibler Bereich“, sagt er. „Du kannst dich nicht einfach mit einem vier Meter langen Gerüstbrett im Kreis drehen.“ Staubschutz, Sauberkeit und Rücksicht auf empfindliche Ausstattung gehören selbstverständlich dazu. Gottesdienste und Beerdigungen müssen berücksichtigt, Arbeiten entsprechend abgestimmt werden.
Mörtel, der die Menschen zusammenhält
Neben dem historischem Materialwissen gehört die Fähigkeit, eine Baustelle selbstständig zu organisieren: Welcher Mörtel ist geeignet? Wie lässt sich ein Gerüst sinnvoll aufbauen? Wie verhindert man unnötig lange Wege? Und manchmal auch: Woher bekommt man den passenden Feldstein, wenn ein historisches Mauerwerk ergänzt werden muss?
Genau dann helfen die Kontakte vor Ort - quasi der "Mörtel", der die Menschen zusammenhält. „Da kennst du irgendwann die Gemeinde und die Landwirte. Einer sagt dann: Fahr mal dahin, da liegen gute Steine“, erzählt Christian Bracker. Gemeindemitglieder kommen vorbei, möchten wissen, was gerade gemacht wird, und stellen Fragen. „Da kannst du nicht sagen: Tut mir leid, ich habe keine Zeit. Du musst dir die Zeit nehmen und Rede und Antwort stehen.“ Arbeit bei Kirchenbauhütte ist eben auch: viel Beziehungsarbeit.
Doch genau diese Vielfalt ist es, die ihn die bisher 32 Jahre für seine Arbeit begeistert hat. „Das, was wir machen, macht eben nicht jeder“, sagt der Ausbildungsleiter. „Es gibt in Lübeck vielleicht zehn Leute, die so arbeiten wie wir. Darauf kann man schon ein bisschen stolz sein.“ Und wenn es auf der nächsten Baustelle um die Sanierung gemauerter Schnecken geht, wird da mit Sicherheit auch eine Lösung gefunden werden.
Hintergrund: Die Kirchenbauhütte
Die Kirchenbauhütte Lübeck-Lauenburg, einzigartig in Norddeutschland, kümmert sich seit 1951 um den Erhalt und die Sanierung der 72 denkmalgeschützten Kirchen und Kapellen im Kirchenkreis. In diesem Jahr feiert sie ihr 75-jähriges Bestehen. Am 11. September 2026 wird dieses Jubiläum gebührend begangen. Die neun Handwerker und zwei Lehrlinge der Kirchenbauhütte bewahren nicht nur Gebäude, sondern auch jahrhundertealtes Wissen: Die Tradition der Bauhütten reicht bis ins Mittelalter zurück und verbindet überlieferte Handwerkstechniken mit moderner Denkmalpflege. Das Bauhüttenwesen ist von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.