Lübeck-Lauenburg

75 Jahre Kirchenbauhütte: Die Meilensteine

Die Idee der Bauhütte reicht bis ins Mittelalter zurück: Handwerker verschiedener Gewerke arbeiteten dauerhaft an Bau und Erhalt großer Kirchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg – beim Wiederaufbau der schwer beschädigten Innenstadtkirchen – lebt dieses Prinzip in Lübeck ganz praktisch wieder auf.

1951: Aus dem Wiederaufbau entsteht eine feste Bauhütte

Das 700-jährige Jubiläum von St. Marien, die Gründung des Marien-Bauvereins und die Entstehung der späteren Kirchenbauhütte gehören unmittelbar zusammen. Nach dem Krieg waren zeitweise mehr als hundert Werkleute an den Sicherungs- und Wiederaufbauarbeiten von St. Marien beteiligt. Nachdem die Kirche im September 1951 durch ein umfangreiches Notbauprogramm zunächst vor dem Einsturz bewahrt worden war, mussten wegen erschöpfter Mittel viele von ihnen entlassen werden. Die Kirche entschied sich jedoch, einen Kerntrupp aus 15 erfahrenen Bauleuten weiterzubeschäftigen – vier Maurer, vier Zimmerleute, einen Tischler und fünf Arbeiter. Unter dem Polier Johannes „Hannes“ Wrage entstand so eine kontinuierlich arbeitende Mannschaft, die den Ausgangspunkt der späteren Kirchenbauhütte bildet. Wrage führte zugleich ein Tagebuch über die wichtigen Maurerarbeiten. 

1950er-Jahre: Die St.-Marien-Werkleute entwickeln Spezialwissen

In den kirchlichen Quellen werden die Beschäftigten zunächst als „St. Marien-Werksleute“ oder „St. Marien-Bautruppe“ bezeichnet. Sie übernehmen einen wesentlichen Teil der Sicherungs-, Wiederherstellungs- und Gewölbearbeiten an St. Marien in eigener Regie. 1958 ist von einer zehn Mann starken Bautruppe die Rede. Durch die dauerhafte Beschäftigung entsteht etwas, das für die Bauhütte bis heute kennzeichnend ist: Die Handwerker lernen die historische Bausubstanz nicht nur während eines einzelnen Auftrags kennen, sondern über Jahre hinweg. Sie eignen sich mittelalterliche Konstruktionen und Handwerkstechniken neu an und entwickeln ein Wissen, das eng mit den einzelnen Gebäuden verbunden ist.

Ab Ende der 1950er-Jahre: Von St. Marien zu den anderen Stadtkirchen

Der Wiederaufbau von St. Marien ist noch nicht vollständig beendet, doch die Bauleute werden zunehmend auch an anderen kriegszerstörten Lübecker Kirchen eingesetzt. Aus einer Mannschaft für St. Marien entwickelt sich Schritt für Schritt ein kirchlicher Bautrupp für die mittelalterlichen Gotteshäuser der Stadt. Die Bauleute „ziehen“ damit gewissermaßen von Kirche zu Kirche: von St. Marien zu St. Petri und schließlich auch zum Dom. Ihr Wissen über den historischen Backsteinbau wächst mit jeder neuen Aufgabe.

1960: St. Petri und Dom kommen als Wirkungsstätten hinzu

Ein Bericht von 1976 hält fest, dass Polier Johannes Wrage in seinem Arbeitstagebuch Maurerarbeiten an St. Marien, St. Petri und seit 1960 auch am Lübecker Dom dokumentierte.

Ebenfalls 1960 würdigt Dr. Walter Lewerenz, Pastor und Vorsitzender des Kirchenvorstands an St. Marien, die „ständige Belegschaft der Bauhütte von St. Marien“, die über Jahre hinweg „mit Treue und Umsicht“ gearbeitet habe – teilweise unter erheblichen Gefahren. Damit ist der Begriff „Bauhütte“ bereits zu diesem Zeitpunkt für die Mannschaft gebräuchlich.

1962: Ein „Bautrupp“ für die mittelalterlichen Stadtkirchen

Im Kirchlichen Amtsblatt wird nun ausdrücklich vom „Bautrupp unter der Leitung des Kirchenbauamtes“ gesprochen – seine Aufgabe geht damit endgültig über St. Marien hinaus. Zu den Schwerpunkten gehören: Gewölbebau und Rekonstruktionsarbeiten an den kriegszerstörten mittelalterlichen Stadtkirchen. Spezialgewerke wie Stahlbetonbau, Kupferdeckung, Tischler- und Elektroarbeiten, Heizungsbau, Verglasung oder Schmiedearbeiten übernehmen weiterhin entsprechende Fachfirmen. Damit zeichnet sich bereits die Struktur ab, die die Arbeit der Bauhütte bis heute prägt: eigenes spezialisiertes handwerkliches Können, ergänzt durch die Zusammenarbeit mit weiteren Fachleuten.

1969: Der Name „Kirchenbauhütte“ wird offiziell

In einem Bericht zum kirchlichen Bauwesen im Kirchlichen Amtsblatt vom 15. Mai 1969 erscheint vermutlich erstmals der bis heute verwendete Name „Kirchenbauhütte“. 

1973: Alle 17 Chorgewölbe des Doms sind wiederhergestellt

Zu den herausragenden Leistungen der Bauhütte gehört die Neueinwölbung der im Krieg zerstörten Kirchengewölbe in historischer Bauweise – bewusst ohne moderne Betonkonstruktionen. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses Können am Dom zu Lübeck: Die Bauhütte stellt dort sämtliche 17 Gewölbe des gotischen Chores wieder her. Das letzte Gewölbe wird Anfang 1973 vollendet. Die Arbeit macht deutlich, wie weit sich die Handwerksleute inzwischen in mittelalterliche Bautechniken eingearbeitet haben. Was zunächst aus der Notwendigkeit des Wiederaufbaus entstanden war, hat sich zu einer besonderen handwerklichen Kompetenz entwickelt.

1976: 25 Jahre Kirchenbauhütte

Ihr 25-jähriges Bestehen feiert die Kirchenbauhütte 1976 ganz bewusst an einem ihrer damaligen Arbeitsorte: im hölzernen Bauhaus am Paradies des Lübecker Doms. Personen der Kirchenleitung würdigen die Bedeutung der Bauhütte für den Erhalt der Lübecker Kirchen. Kirchenbaudirektor Zimmermann formuliert damals den Satz: Ihre Männer „kennen dort jeden Stein“. Die Feier zeigt, dass die Bauhütte zu diesem Zeitpunkt längst mehr ist als eine vorübergehende Einrichtung des Wiederaufbaus: Bereits ein Vierteljahrhundert lang hat sich eine kontinuierlich beschäftigte Mannschaft um die großen Lübecker Kirchen gekümmert.

1976: St. Petri bleibt die große Aufgabe

Während am Dom die Gewölbe bereits wiederhergestellt sind und die Bauhütte dort unter anderem an der Restaurierung der Briefkapelle und am Wiederaufbau des Paradieses arbeitet, steht eine zentrale Aufgabe noch bevor: St. Petri soll vollständig wiederhergestellt und wieder nutzbar gemacht werden. Bei der Jubiläumsfeier stößt die Bauhütte deshalb ausdrücklich „auf St. Petri und seine Wiederherstellung“ an. 

Bis in die 1980er-Jahre: Abschluss der Wiederaufbauphase

Mit der Rekonstruktion des Paradieses am Dom und der Wiederherstellung von St. Petri nähert sich eine jahrzehntelange Aufgabe ihrem Ende. Die Bauleute haben sich dabei Schritt für Schritt durch die großen mittelalterlichen Kirchen Lübecks gearbeitet. Aus den Erfahrungen dieser Zeit entsteht ein besonderer Wissensfundus über Backstein, historische Mörtel, Gewölbekonstruktionen und die Eigenheiten der einzelnen Kirchen. Mit dem Ende der großen Wiederaufbauarbeiten verändert sich die Aufgabe der Kirchenbauhütte grundlegend: Nun stehen Baupflege, Instandhaltung, Reparatur und Sanierung im Fokus. Der entscheidende Gedanke bleibt jedoch derselbe: Statt für jede einzelne Maßnahme immer wieder neu zusammengestellte Firmen an die historischen Gebäude zu holen, gibt es eine eigene Mannschaft, die sie über Jahrzehnte begleitet.

1999 bis 2006: Großsanierung am Außenmauerwerk von St. Marien

Gemeinsam mit weiteren spezialisierten Firmen beteiligt sich die Kirchenbauhütte an der umfangreichen Sanierung und Instandsetzung des Außenmauerwerks von St. Marien. Ihre Aufgabe beschränkt sich dabei nicht allein auf die Ausführung. Die jahrzehntelange Erfahrung der Mitarbeiter fließt auch in Voruntersuchungen und Sanierungskonzepte ein. So wird die Bauhütte zunehmend zum fachlichen Partner von Architekten, Denkmalpflege und weiteren Spezialist:innen.

2007 bis 2021: Arbeiten an den sieben Türmen

Über viele Jahre wirkt die Kirchenbauhütte an umfangreichen Turmsanierungen von St. Jakobi, St. Petri und St. Marien mit. Das seit den 1950er-Jahren aufgebaute Wissen wird dabei weiter vertieft: insbesondere im historischen Backsteinbau sowie beim Umgang mit Kalkmörteln und mittelalterlichem Hochbrandgips.

2009/2010: Das Arbeitsgebiet vergrößert sich

Mit der Fusion der Kirchenkreise Lübeck und Herzogtum Lauenburg erweitert sich auch das Aufgabengebiet der Kirchenbauhütte. Seit 2010 betreut sie zusätzlich die denkmalgeschützten Kirchen im lauenburgischen Teil des neuen Kirchenkreises. Damit verändert sich auch das handwerkliche Spektrum: Neben den monumentalen Backsteinkirchen Lübecks kommen kleinere Dorfkirchen mit anderen historischen Baustoffen und Konstruktionen hinzu. Innerhalb des europäischen Bauhüttenwesens nimmt Lübeck damit eine besondere Stellung ein: Die Bauhütte ist nicht nur für einen Dom oder ein Münster zuständig, sondern für zahlreiche kirchliche Denkmale eines ganzen Kirchenkreises. Zudem ist sie die einzige traditionelle Bauhütte Norddeutschlands.

2018: Beteiligung am internationalen Kulturerbe-Antrag

Der Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg beschließt, mit seiner Kirchenbauhütte am gemeinsamen Antrag zum europäischen Bauhüttenwesen mitzuwirken. Damit rückt eine Aufgabe stärker in den Mittelpunkt, die die Bauhütte schon bereits seit 1951 erfüllt: historisches Wissen nicht nur anzuwenden, sondern von einer Generation an die nächste weiterzugeben.

2020: Das Bauhüttenwesen wird von der UNESCO ausgezeichnet

18 Bauhütten aus fünf europäischen Ländern werden gemeinsam als gutes Praxisbeispiel zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes anerkannt. Der Leitgedanke „Wissen – Können – Weitergeben“ passt besonders zur Geschichte der Lübecker Bauhütte: Ihr Spezialwissen entstand über Jahrzehnte unmittelbar an den historischen Gebäuden und wurde innerhalb der Mannschaft immer weitergetragen. Zugleich intensiviert die Anerkennung den Austausch zwischen den europäischen Bauhütten.

2024: Die Bauhütte wird erstmals Ausbildungsbetrieb

Mehr als sieben Jahrzehnte lang hatte die Kirchenbauhütte vor allem bereits ausgebildete Gesellen eingestellt. Angesichts des bevorstehenden Generationswechsels ändert sich das: Seit 2024 bildet die Bauhütte selbst Maurernachwuchs aus, damit das Spezialwissen der langjährigen Mitarbeiter bewusst an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Auch darin unterscheidet sich Lübeck von vielen anderen europäischen Bauhütten: Während diese häufig stark durch Steinmetze und Steinbildhauer geprägt sind, liegt die besondere Kompetenz der Lübecker Kirchenbauhütte im Maurerhandwerk, im Backsteinbau sowie im Umgang mit historischen Kalk- und Gipsmörteln.

2026: 75 Jahre Kirchenbauhütte und eine neue rechtliche Grundlage

Zum 75-jährigen Bestehen erhält die Kirchenbauhütte erstmals ein eigenes Logo – und eine eigene Satzung. Seit August 2026 ist sie damit als unselbstständiges Werk und Eigenbetrieb des Kirchenkreises verbindlich verankert. Ihr Auftrag ist klar festgeschrieben: Sie soll denkmalgeschützte Kirchen, Kapellen und Gebäude erhalten – besonders die fünf Lübecker Innenstadtkirchen mit ihren sieben Türmen – und zugleich alte Handwerkstechniken und denkmalpflegerisches Fachwissen bewahren und weitergeben. Auch die Zuständigkeiten sind nun eindeutig geregelt: Der Kirchenkreis kann die Bauhütte an den kirchlichen Denkmalen einsetzen, die Kirchengemeinden nehmen ihre Leistungen in Anspruch. Geleitet wird sie durch die Bauabteilung, für die handwerklichen Fachfragen ist der Hüttenmeister zuständig. Im Alltag bedeutet das: Instandhalten, restaurieren und reparieren nach anerkannten handwerklichen Standards und den Vorgaben der Denkmalpflege – in enger Abstimmung mit Kirchengemeinden, Landeskirche und Denkmalbehörden. Finanzierung, Vergabe, Abrechnung und Berichtswesen sind ebenfalls verbindlich geregelt. Damit bekommt das, was die Bauhütte seit 1951 praktisch leistet, eine feste organisatorische, finanzielle und rechtliche Struktur für die Zukunft.

2028: 77 Jahre unter sieben Türmen?

Die Kirchenbauhütte möchte die Jahrestagung der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister nach Lübeck holen. Im Mittelpunkt soll das Bauhüttenwesen stehen – und der europaweite Austausch, der seit der UNESCO-Anerkennung 2020 noch enger geworden ist. 

Die Kirchenbauhütte

Die Kirchenbauhütte Lübeck-Lauenburg, einzigartig in Norddeutschland, kümmert sich seit 1951 um den Erhalt und die Sanierung der 72 denkmalgeschützten Kirchen und Kapellen im Kirchenkreis. In diesem Jahr feiert sie ihr 75-jähriges Bestehen – am 11. September wird dieses Jubiläum gebührend begangen. Die neun Handwerker und zwei Lehrlinge der Kirchenbauhütte bewahren nicht nur Gebäude, sondern auch jahrhundertealtes Wissen: Die Tradition der Bauhütten reicht bis ins Mittelalter zurück und verbindet überlieferte Handwerkstechniken mit moderner Denkmalpflege. Das Bauhüttenwesen ist von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.