Ratzeburg

Sommerinterview: "Friedhöfe sind ein Stück Heimat"

Ratzeburg. Sommerzeit ist Interviewzeit. Stirbt der klassische Friedhof aus? Warum ist die Beerdigung als Bestattungsform so wichtig? Und welche Trends zeichnen sich in der Trauerkultur ab? In unserer Serie steht diese Woche Bernd K. Jacob, Friedhofsbeauftragter des Kirchenkreises, Rede und Antwort. 

Gespräch mit dem Friedhofsbeauftragten Bernd K. Jacob

Blicken wir auf das erste Halbjahr zurück: Was war für Sie das wichtigste Ereignis?

Bernd K. Jacob: Das „Schönste“, was in diesem ersten halben Jahr passierte, war eine Anfrage von unserer Kasualienagentur „segensreich“. Ob wir zum Toten-/Ewigkeitssonntag zusammen eine große Aktion machen wollen. Wir haben gemeinsam überlegt und geplant und freuen uns jetzt, mit unseren 50 Friedhöfen auf eine wirklich bemerkenswerte leuchtende Aktion unter dem Titel: Mit denen, die im Himmel sind.

Neues Bestattungsgesetz ist “sensationell”

Das „Wichtigste“ ist ganz klar das neue Bestattungsgesetz in Schleswig-Holstein. Andere Bundesländer reden gern über all das, was sie möglich machen, ändern aber in ihren Gesetzen tatsächlich nur Kleinigkeiten oder Varianten. Wir haben jetzt hier eine dritte Bestattungsart zugelassen. 150 Jahre nach dem Beginn der Feuerbestattung in Deutschland, das ist wirklich sensationell. In der vorausgehenden vierjährigen Erprobungsphase haben wir als Kirche gelernt, mit Innovationen ganz neu und positiv umzugehen. Und das in einem so sensiblen Bereich. In diesen vier Jahren hat sich also auch Kirche ein wenig verändert und vor allem die Sicht auf die Organisation Kirche.

Warum ist die dritte Bestattungsform für Sie so wichtig? 

Bernd K. Jacob: Weil wir damit eine weitere Wahlmöglichkeit geschaffen haben, die dem Anspruch der heutigen Gesellschaft entspricht. Wer in einem Todesfall eine Entscheidung treffen muss, kann sich jetzt zwischen drei vollkommen unterschiedlichen Wegen entscheiden. Da gibt es nicht besser oder schlechter, aber es gibt „passender“ zu der Art und Weise, wie ein Mensch gelebt hat, so kann jetzt auch der letzte Weg gestaltet werden. 

Die Reihen auf Friedhöfen werden lichter

In vielen Bereichen finden gesellschaftlich strukturelle Wandlungsprozesse statt. Auch wenn es um Friedhöfe geht? 

Bernd K. Jacob: Ja, natürlich, wir sehen ja, dass die Reihen auf Friedhöfen lichter werden. Gestaltete Grabanlagen werden immer größer oder es entstehen Gräbergemeinschaften mit markanten Stelen. Das ist so, weil wir älter werden. Oft ein Partner stirbt, wenn der andere schon zu alt ist, um ein Grab zu pflegen oder im Wald den richtigen Baum zu finden. Kinder und Enkel wohnen weit weg und können auch nicht helfen. Deshalb gestalten wir die Friedhöfe mehr und mehr als ökologisch vielfältige Parkanlagen, so dass auf der einen Seite die individuelle Pflege gar nicht mehr nötig ist, zum anderen aber doch die Grabstelle als Erinnerungsanker besteht. Das hilft bei der Trauerarbeit. Friedhöfe wandeln sich zu Parks und Begegnungsorten, zu Kulturstätten, wo wir auch zu Lebzeiten schon die Hektik des Tages hinter uns lassen können.

Was sind die Ursachen dafür, dass Menschen heute weniger klassische Sargbestattungen möchten?

Bernd K. Jacob: Hmmm, das weiß ich gar nicht so genau. Ich persönlich empfinde die Sargbestattung ja als ein sehr starkes Ritual. Zum einen, weil es bald nach dem Tod stattfindet und nicht wochenlang geplant werden kann. Zum anderen, weil ich mir vorstelle, dass das Zudecken mit Erde auch wirklich ein Ruhegeben ist, ein Loslassen, an dem alle beteiligt sind. Und die Hinterbliebenen können diesen Moment intensiv in ihr Herz schließen. Trauerfeier, Aussegnung, Bestattung, Leichenschmaus… und ein prickelndes Prost auf das Leben. Alles in einem, ich mag den Gedanken.

In Klimafragen werden Friedhöfe wichtiger

Stirbt der klassische Friedhof aus? 

Bernd K. Jacob: Diese Frage ist ein bisschen Drohung und Hoffnung in einem. Ja, der Friedhof mit lauter kleinen Blumenbeeten in Reih‘ und Glied wird wohl ein Bild aus der Vergangenheit werden. Es sei denn, die Anwohner:innen möchten genau das erhalten. Wenn sie sich dafür einsetzen und sich auch dort beerdigen lassen, ist das durchaus erhaltenswert. Die Hoffnung ist, dass die deutsche Friedhofskultur lebendig und individualisierbar bleibt. Eine wünschenswerte Entwicklung wäre, dass mit der Zeit die ewig wiederkehrenden Monokulturen von Stiefmütterchen, Eisbegonien und Tannenabdeckung zurückgehen. Saisonbepflanzung ist ökologisch gesehen nicht nachhaltig … und schon gar nicht individuell. Gerade in Klimafragen werden Friedhöfe immer wichtiger, denn Bäume, Sträucher und offene Erde helfen unseren Städten in der Klimabilanz. Wir können mit einer dauerhaften, Kleintier- und Insektenfreundlichen Bodenbepflanzung viel Gutes bewirken.

Welche Gegenmaßnahmen können Sie, kann die Kirche ergreifen?

Bernd K. Jacob: Als Kirche vor Ort müssen wir unsere Gottesäcker für viel mehr nutzen, als wir es gewohnt sind. Mit Kaffee-ToGo und Mittagsstulle bieten diese Gärten Ruhe und Erholung, es finden Begegnungen statt. Kirchengemeinden können über alle Generationen viele Themen bearbeiten und so dafür sorgen, dass unsere Friedhöfe ein wichtiger Teil Heimat bleiben. Nirgends wird die christliche Grundstruktur unserer Lebensfeste und Feiertage besser erfahrbar. Seit der Pandemie haben sich kulturelle Veranstaltungen auf vielen Friedhöfen etabliert. Es gibt schon sehr erfolgreiche Formate. Wir machen kleine Konzerte, Kunstausstellungen, Open-Air-Kino, es gibt historische, gruselige, ornithologische Führungen oder kleine Gottesdienste zu Vergänglichkeit und Neuerwachen. 

Friedhöfe sind Spiegel der Gesellschaft

Unsere heutige Gesellschaft ist kreativ, selbstbestimmt und individuell wie noch nie zuvor, auch diese Entwicklung gehört zu unseren Kirchhöfen. Sie sind mehr als Dokumentation der kürzlichen Vergangenheit. Wir erkennen auf Friedhöfen Veränderungen der Familien vor Ort und modische Trends. Evangelische Friedhöfe sind ein Spiegel der Gesellschaft. Und die ist jetzt bunt und neugierig.

Gibt es da nicht viel Kritik - von wegen Pietätlosigkeit und Totenruhe?

Bernd K. Jacob: Das ist natürlich ein Balanceakt. Die Totenruhe stören wir sicher nicht, die liegen weit unter der Erde. Wir lesen die Namen und erinnern uns. So bleiben sie eher Teil der Gesellschaft. Durch eine lebensnahe Nutzung nehmen wir Friedhöfe positiv wahr, erleben ihre Schönheit, den Wandel der Jahreszeiten oder die vielen Tiere und Pflanzen, die diesen Lebensraum bevölkern. Rücksicht müssen wir auf diejenigen nehmen, die aktiv trauern, die die Orte auch für Ruhe brauchen und wo das Grab Ausdruck ganz persönlicher Liebe ist. Das geht immer vor. Aber zum Tod gehört das Leben, und das zu feiern, ist die wichtige Botschaft der vielen Namen, die wir nicht vergessen wollen.

Menschen über den Tod hinaus respektieren

Gibt es im Bereich der Friedhöfe Trends, die sich heute bereits abzeichnen?

Bernd K. Jacob: Die Friedhofskultur lebt von Trends, schon immer und auch immer weiter. Aktuell erleben wir eine sehr positive Resonanz auf naturnahe nachhaltige Gestaltungen, hochwertige Gemeinschaftsanlagen und vor allem pflegefreie Gräber, die nicht zur Last fallen. Was langsam ausläuft ist der Wunsch nach einem anonymen Platz mitten auf grüner Wiese, das war viele Jahre praktisch, aber die Erfahrung zeigt, dass es doch guttut, einen Namen lesen zu können, an jemanden erinnert zu werden. Unsere Friedhöfe sind öffentliche Orte, wo nicht nur engste Angehörige trauern können, sondern auch Nachbarn, Freunde, Weggefährten erinnern dürfen. Das ganz besondere an der deutschen Bestattungskultur ist, dass unsere Persönlichkeitsrechte über den Tod hinaus geschützt sind. Darum sind Beisetzungen im heimischen Garten oder die Urne in der Wohnzimmervitrine ohne den ausdrücklichen Wunsch der verstorbenen Person bei uns nicht legal möglich. Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, diesen Schutz des gelebten Lebens zu erhalten. Den Menschen über den Tod hinaus respektieren. Letztendlich sollten Friedhöfe bleiben, was sie eigentlich sind: ein wichtiges Stück Heimat.