Ratzeburg

Propst Graffam: Worüber ich mich 2026 gefreut und geärgert habe

Ratzeburg. Sommerzeit ist Interviewzeit. Wir lassen Menschen aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen des Kirchenkreises zu Wort kommen, stellen Aufgabenfelder vor, werfen den Blick hinter die Bürotüren. Heute zieht Philip Graffam, Propst im Herzogtum Lauenburg, eine kleine Halbjahresbilanz 2026.

Sommerinterview: Ein kleines Zwischenfazit 2026 

Das erste Halbjahr 2026 liegt hinter uns. Ziehen Sie doch einmal ein kleines Zwischenfazit.

Philip Graffam: Wenn ich auf das erste Halbjahr 2026 schaue, dann fällt mir vor allem ein Wort ein: Veränderung. Wir haben uns von Menschen verabschiedet, die unseren Kirchenkreis über viele Jahre geprägt haben, und gleichzeitig neue Kolleginnen und Kollegen begrüßt.

An wen denken Sie da? 

Philip Graffam: Besonders bewegt hat mich der Abschied meiner Kollegin Pröpstin Petra Kallies. Gleichzeitig freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit Propst Oliver Erckens. Auch bei der Expedition gab es einen Wechsel: Holger Wöltjen ist nun als Gemeindepädagoge im Pfarrdienst im Mariensprengel tätig. Übergangsweise hat Ralf Nagel die Leitung übernommen, bevor im September Corinna Mühlhausen startet. Außerdem haben wir Jochen Schultz als Leiter der Dienste und Werke verabschiedet. Mit Anne Freudenberg-Klopp übernimmt nun eine neue Leiterin diese wichtige Aufgabe. Veränderungen bedeuten immer Abschied und Neuanfang zugleich. Ich bin dankbar für das, was gewachsen ist, und gespannt auf das, was wir gemeinsam in den kommenden Monaten gestalten werden.

Gab es Dinge, über die Sie sich gefreut haben?

Philip Graffam: Ja, da gab es einiges. Besonders gefreut habe ich mich über das Kleinkunstfestival „Ahoi“ in Ratzeburg. Es war schön zu erleben, wie Kultur, Begegnung und Kirche Menschen auf so lebendige Weise zusammenbringen. Sehr wichtig war für mich auch unsere Synode im März. Wir haben uns intensiv mit dem Thema Prävention und dem Schutz vor sexualisierter Gewalt beschäftigt. Das waren ernste, aber notwendige Gespräche. Ich bin dankbar, dass wir uns dieser Verantwortung gemeinsam stellen und daran arbeiten, Kirche zu einem noch sichereren Ort zu machen. Die Feier zum 150-jährigen Bestehen des Kreises Herzogtum Lauenburg war ein schönes Zeichen der Verbundenheit in unserer Region.

Und privat? 

Philip Graffam: Auch privat war dieses Halbjahr voller schöner Momente. Ich durfte die Examenspredigt meiner Tochter miterleben – das hat mich als Vater und als Propst sehr bewegt. Und die Freude geht weiter: Im Juli wird sie heiraten und mein Sohn macht seinen Bachelor in Holztechnik. Für unsere Familie ist das ein großes Geschenk und ein Anlass, voller Dankbarkeit und Vorfreude in den Sommer zu gehen.

Kritik sollte immer respektvoll bleiben

Worüber haben Sie sich geärgert?

Philip Graffam: Geärgert haben mich Briefe und Zuschriften, in denen Menschen oder Ereignisse pauschal und polemisch kritisiert wurden. Kritik gehört zu einer offenen Kirche dazu – aber sie sollte respektvoll bleiben und dem anderen mit Wertschätzung begegnen. Nur so können wir miteinander im Gespräch bleiben und gemeinsam nach guten Lösungen suchen.

Rückläufige Mitgliederzahlen, geringere Kirchensteuerzuweisungen: Wie steht der Kirchenkreis in Ihrer Wahrnehmung da?

Philip Graffam: Rückläufige Mitgliederzahlen und geringere Kirchensteuerzuweisungen sind eine Realität, der wir uns stellen müssen. Sorgen bereiten mir die zunehmenden Vakanzen in unseren Pfarrstellen. Trotzdem blicke ich zuversichtlich auf unseren Kirchenkreis. Mit der „Expedition Kirche“ haben wir uns früh auf den Weg gemacht, um Kirche zukunftsfähig zu gestalten – mutig, realistisch und mit einem klaren Blick auf die Menschen. Das wird nicht ohne Veränderungen gehen. Aber ich erlebe viel Engagement, Kreativität und die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Das macht mir Mut für die Zukunft.

Sorgen bereiten mir die pastoralen Vakanzen 

Was werden perspektivisch die Herausforderungen im zweiten Halbjahr werden?

Philip Graffam: Die größte Herausforderung wird sein, den Transformationsprozess unseres Kirchenkreises entschlossen und zugleich achtsam weiterzugehen. Veränderungen lösen verständlicherweise auch Trauer aus, weil Vertrautes verloren geht. Diese Gefühle ernst zu nehmen und dennoch gemeinsam den Blick nach vorn zu richten, wird eine wichtige Aufgabe sein. Ich bin überzeugt: Wenn wir Veränderungen gemeinsam gestalten, kann daraus etwas Gutes wachsen.

…und darüber hinaus?

Philip Graffam: Langfristig werden wir uns darauf einstellen müssen, dass viele Mitarbeitende der Babyboomer-Generation in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig stehen weniger Pastorinnen und Pastoren sowie Diakoninnen und Diakone zur Verfügung. Deshalb wird es entscheidend sein, neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, Verantwortung stärker zu teilen und die Gaben haupt- und ehrenamtlich Engagierter noch besser miteinander zu verbinden. Ich sehe darin nicht nur eine Herausforderung, sondern auch die Chance, Kirche neu und gemeinsam zu gestalten.

Es wird schwieriger, Zuversicht zu vermitteln

Blicken wir einmal auf das große Ganze. Krisen und Kriege dominieren die Nachrichten. Ist es für Sie schwieriger geworden, den Menschen Zuversicht zu vermitteln?

Philip Graffam: Ja, die vielen Krisen und Kriege machen es schwerer. Umso wichtiger ist es, den Blick nicht nur auf das Bedrohliche zu richten, sondern auch auf das Gute, das wächst. Zuversicht entsteht für mich nicht durch das Ausblenden der Wirklichkeit, sondern durch glaubwürdige Geschichten von Hoffnung, Menschlichkeit und gelebtem Glauben. Deshalb sind mir die persönliche Begegnung, eine authentische Sprache und das Erzählen eigener Erfahrungen wichtig. Ich glaube, Menschen spüren, ob Glaube, Liebe und Hoffnung nur behauptet oder wirklich gelebt werden.

Sie starten jetzt in den Urlaub. Verraten Sie, wo und wie Sie Entspannung suchen?

Philip Graffam: Meine Frau und ich lieben Städtereisen. Nachdem wir in den vergangenen Jahren Rom, Amsterdam und Barcelona erkundet haben, geht es in diesem Sommer nach Wien. Wir genießen es, durch eine Stadt zu schlendern, Theater, Kirchen und Museen zu besuchen, gut zu essen und einfach Zeit miteinander zu haben. So tanke ich Kraft – und komme mit vielen neuen Eindrücken und Inspirationen zurück.